Stuhl S 644, Entwurf Eddie Harlis 1954, Hersteller Thonet

s 664

Hersteller: Thonet

Entwurf: Eddie Harlis 1954

 

 

Wer mit der Zeit ging, hatte ihn im Wohnzimmer. Der Schalensitz war eine Errungenschaft der 40er Jahre (frühe Entwürfe stammen von Eero Saarinen, Ray und Charles Eames). Aber erst im darauf folgenden Jahrzehnt wurde er zu einer Ikone. Bei diesem Stuhl bestehen Sitzfläche und Lehne aus einem einzigen Stück Sperrholz, jenem Material, in dem sich, ähnlich dem Beton in der Architektur, eine Welt organischer, oft dynamischer und bis dahin nicht gekannter Formen kreieren ließ. In der Freiheit der Linienführung zeigte sich der heute manchmal naiv erscheinende Optimismus jener Epoche. Auch die Kombination von Holz und einem Gestell aus dünnem Stahlrohr knüpft an die genannten Vorbilder an, allerdings verleiht die strenge geometrische Anordnung der Stangen dem Entwurf einen eigenen Reiz. Die Sitzschale wirkt trotz der gewagten Wölbung durchaus schlicht. Von vorne betrachtet bildet sie einen Kreis, von der Seite ein Dreieck. Gerade die spannungsgeladene Kombination von Konstruktivität und Ausdruck hebt S 664 über den Durchschnitt. Der eigentliche Blickfang sind dabei zweifelsohne die zwei Öffnungen an der hinteren Unterseite. Natürlich erinnern die Löcher an Augen – die eines Tieres oder eines Außerirdischen. Sie sind aber keineswegs nur ästhetisches Beiwerk, sondern erfüllen verschiedene Zwecke. Einerseits waren sie nötig, um die extreme Verformung der Sperrholzsitzschale überhaupt zu ermöglichen, andererseits dienen sie der Belüftung und können zudem als Griff benutzt werden.