Wanduhr, Entwurf Max Bill 1958, Hersteller Junghans
Service Berlin, Entwurf Hans Baumann 1959, Hersteller Rosenthal
Der Bundestag in Bonn, hier die Baustelle 1949, zog in ein Gebäude des "Neuen Bauens"
Systemmöbel Quinta, Entwurf Michael Bayer 1959, Hersteller COR

1949 Innovation "Gute Form"

 

Der Schweizer Architekt Max Bill, später erster Direktor der Hochschule für Gestaltung in Ulm, hatte es 1949 fertiggebracht, eine Ausstellung zum Thema »Die gute Form« auf die Beine zu stellen. Zu einer Zeit, als deutsche Städte noch in Trümmern lagen und die Gedanken sich darum drehten, ob man am nächsten Tag etwas zu essen hat, ein erstaunlicher Grad an Idealismus. Diesen Idealismus teilten damals jedoch viele deutsche Intellektuelle, die sich nach einem Neuanfang sehnten und, wie der Physiker Werner Heisenberg und der Schriststeller Carl Zuckmayer, das Hochschulprojekt unterstützten. 1953, im selben Jahr als die Designuni in Ulm eröffnet wurde, beschloss der Deutsche Bundestag, einen Rat für Formgebung einzurichten, als staatliche Agentur für guten Geschmack und die optimale Gestaltung deutscher Produkte, Ziele, die nicht zufällig an den Deutschen Werkbund erinnern, der sich aktiv für die neue Einrichtung einsetzte.

 

Die Doppelgründung verschaffte Deutschland auch ein doppeltes Déjà-vu-Erlebnis, verstand sich die neue Hochschule doch explizit als Bauhaus-Reinkarnation. Das Hochschul-Gebäude in Ulm mit seinen großflächigenn Fenstern und kargen Betonwänden - der Architekt war Bill - verströmte genau jenen kühlen Purismus, wie er später auch in den Produkten zum Ausdruck kam, etwa im Ulmer Hocker, ein Minimal-Sitz, den die Studenten mit sich herumtrugen. Wie vormals Walter Gropius verstand es auch Bill, ein hochkarätiges, international zusammengesetztes Lehrpersonal zu gewinnen und Konflikte in einer Streitkultur auszutragen. Der heute altbacken wirkende Ausdruck  "gute Form" wurde zum Slogan und Dogma der zweiten deutschen Moderne, die durch Gestalter wie Hans Gugelot, Herbert Hirche und Egon Eiermann und Firmen wie Braun, Rasch, Rosenthal und Wilkhahn geprägt wurde. Bis der Schlachtruf so abgegriffen war, dass eine junge Designergeneration dagegen rebellierte.

 

So altmodisch die moralgetränkte Gute-Form-Bewegung heute rückblickend auch erscheinen mag, so überaus wirkungsvoll war ihre gestalterische Reinigungskraft. Und da sie nicht wie ihre Verwandte, die "Neue Sachlichkeit" der späten 20er Jahre, politisch gebremst wurde, konnte sie ihre Wirkung voll entfalten. So wurde Deutschland, obwohl von restaurativen Kräften regiert, neben Skandinavien erneut zur Triebkraft in Sachen moderne Gestaltung, etwa dokumentiert durch den von Eiermann inszennierten Auftritt auf der Weltausstellung 1958. Dass sich diese zweite Designrevolution nach der erneuten Kriegskatastrophe abspielte, ist alles andere als  Zufall. Ohne die Traumata der deutschen Geschichte ist der Siegeszug der idealistischen "guten Form" kaum denkbar.