Elektrische Wanduhr für die AEG-Werke, Entwurf Peter Behrens 1910
Werbeplakat, Entwurf Peter Behrens 1909
Wasserkessel, Entwurf Peter Behrens 1909, Hersteller AEG

1900 Innovation Gesamtkunstwerk

 

 

Die Idee des Gesamtkunstwerks reicht zurück in der Zeit der Romantik. Darin steckt der Versuch, die durch die moderne Zivilisation zerrissenen Lebenszusammenhänge wieder zu vereinen. Der Ausdruck wurde 1827 erstmals vom Schriftsteller und Philosophen Eusebius Trahndorff verwendet und tauchte dann 1849 in Richard Wagners Schrift „Die Kunst und die Revolution“ auf. Wagner bezeichnete die attische Tragödie als „großes Gesamtkunstwerk“ und weitete später die Bedeutung des Begriffes aus. In seinem Konzept eines Musikdramas werden die einzelnen Künste einem gemeinsamen Zweck untergeordnet. So sollte die Universalität zurückgewonnen werden. Er geht dabei von ästhetischen Vorstellungen der Romantik, von der Philosophie Arthur Schopenhauers sowie von politischen Vorstellungen im Umkreis der Märzrevolution aus

 

Im Gesamtkunstwerk werden verschiedener Künste, wie etwa Architektur und Malerei, aber auch Musik, Dichtung und Tanz, zu einer stimmigen Synthese vereint. Dies wurde vom Jugenstil um 1900 angestrebt, um so das Formensammelsurium des Historismus zu überwinden. Verbunden war damit die für die Sezessionskünstler typische Hinwendung zu den praktischen Gebrauchsdingen der „Angewandten Kunst“. Dies  wiederum hing eng mit der sich verbreitenden Utopie der „Lebenssreform“ zusammen, selbst eine spartenübergreifende, universale Vision. Der 1902 von Harry Graf Kessler als spiritus rector unternommene Versuch, das „Neue Weimar“ als kulturelles Zentrum zu schaffen, war als Gesamtkunstwerk angelegt. Kessler, der sich nicht zuletzt auf Friedrich Nietzsche berief, schwebten „Ereignisräume“ vor. Die Umsetzung übernahm schließlich der Künstler Henry van de Velde, dessen umgestaltetes Nietzsche-Archiv als „Kultraum“ konzipiert war.


Als zentrales Projekte in diesem Sinne gilt die 1902 entstandene Mustersiedlung auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Etwa zeitgleich entstanden die Deutschen Werkstätten in Dresden Hellerei, wo sich Gartenstadt-Architektur, Möbelproduktion und moderner Ausdruckstanz zu einer lebensreformerischen Utopie verbanden. Der Künstler Peter Behrens, in Darmstadt wie in Dresden aktiv, hat noch vor dem Ersten Weltkrieg das Prinzip erstmals auf einen Industriebetrieb übertragen. Seine Arbeit für AEG, die Architektur, Produktgestaltung und grafisches Erscheinungsbild umfasste, gilt als Pioniertat des „Corporate Design“. Auch das von Walter Gropius gegründete Bauhaus kann letztlich als Idee des Gesamtkunstwerks verstanden werden. Später hielt das Prinzip der umfassenden Herangehensweise als "System"-Gedanke im Design Einzug und spielt besonders in Deutschland bis heute eine wichtige Rolle.