Deutsche Werkstätten Hellerau
Möbelhersteller, Dresden / Sachsen
Karl Schmidt, Unternehmer und Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, wurde zum Pionier des modernen Industriedesigns. In seinem Leben spiegeln sich die Umbrüche jener spannungsreichen Epoche. Er hatte England bereist, wo Segnungen und Fehlentwicklungen der Industrialisierung weit früher sichtbar wurden. Als er 1897 die Arbeiten Henry van de Veldes auf der Internationalen Kunstausstellung in Dresden sah und mit weiteren Protagonisten jener Bewegung in Kontakt kam, die dem verlogenen Historismus eine Alternative entgegen setzen wollten, hatte er für seine gestalterischen Ambitionen eine Heimat gefunden. Er gründete die Dresdner Werkstätten, eine Möbelfabrik, die er mit einem Team von Handwerkern, Künstlern und Architekten zum Labor für „Lebensreform“ machte. Eingebettet war das Projekt in die Gartenstadt Hellerau, zu dem auch ein Festspielhaus gehörte und die zu einem Zentrum des Ausdruckstanzes wurde, einer Kunstform, die damals einen enormen Stellenwert besaß. Ein Hauptziel der Werkstätten bestand darin, eine „ehrliche“ Wohnkultur zu verwirklichen. Aber in Schmidts Musterbetrieb spielten auch soziale Belange eine Rolle. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurde die 8 1/2-Stunden-Woche eingeführt. Gestalter waren am Gewinn beteiligt. Als herausragender Möbelentwerfer neben Bruno Paul und anderen erwies sich Richard Riemerschmid, der Architekt von Hellerau. Dessen auf serieller Produktion basierenden Maschinenmöbel wurden bald äußerst populär und machten ihren Schöpfer wohlhabend und berühmt. Inzwischen hatten Dresdner und Münchner Werkstätten fusioniert, firmierten unter Deutsche Werkstätten und beschäftigten nun rund 250 Mitarbeiter. Am „Typenmöbel“-Programm Deutsches Hausgerät arbeiteten 1913 nicht weniger als 20 Künstler, darunter auch Peter Behrens. Die Sachlichkeit feierte in deutschen Wohnungen erstmals Triumphe. Ende der 20er Jahre entwickelte Paul das Anbau-Programm „wachsende Wohnung“, eine der Vorformen der Systemmöbel (vgl. WK Wohnen). Die Werkstätten in Hellerau blieben ein innovatives Unternehmen, das sich etwa bei der Entwicklung von Sperrholz-, Tischler- und Spanplatten hervortat. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das in der DDR verstaatlichte Unternehmen reprivatisiert und hat sich seitdem mit hochwertiger Innenausstattung profiliert.


