1966-1979 bunter und besser
Meilensteine
1966 Bofingerstuhl
1967 Plastikstuhl Floris
1968 Liege TV-Relax, Stapelliege, Stuhl SM 400
1969 Service TAC 1, Stuhl Santa Lucia, Polsterserie Orbis
1970 Türklinken Serie 111
1971 Regalsystem Softline, Container
1972 Sitz Zocker, Schreibtischlampe Tizio, Kaffeemaschine KF 20
1973 Couchtisch Nurglas
1975 Deckenstrahler TM, Möbelsystem Profilsystem,
Funktionssessel O-Line
1976 Freischwinger Sinus, Besteckserie Moodell 33
1979 Bürostuhl Sapper
chronologie
1966 Omas Hausrat wird entsorgt und die Welt neu erfunden. Da sich der Fortschritt in Kunststoffen ausdrückt, lenkt sich der Blick auf den Chemiestandort Köln und die dortige Möbelmesse. – Zwei große Querdenker des deutschen Designs bringen Pop-Art unter die Leute, bevor diese Kunst überhaupt in Deutschland zu sehen ist. Peter Raacke vertreibt sein Papp- Möbelsystem aus Pappe in plakativen Farben. Ingo Maurer macht die Lampe Bulb zum Objekt. – Als der Sitzspezialist Wilkhahn sich Ulmer Vordenker ins Haus holt, wird er zum Musterbetrieb »guter Form«. Andere, darunter Lufthansa, Erco und FSB, folgen später. – Auf Fernseher, Kühlschrank und Waschmaschine will niemand mehr verzichten, ebenso wenig wie auf eine weiße, resopalbeschichtete Zeilenküche und den Stereoklang aus der Anlage. – Der Minirock befreit die Beine. – Im WM-Endspiel in Wembley beweisen die Deutschen, dass sie auch verlieren können.
1967 Fernsehen ist jetzt farbig. Die Botschaft All You Need Is Love geht live um die Welt. Die Beatles werden zu Vorboten von Hippietum und TV-Vermarktung. – Arno Votteler entwirft ein Containerschiff im Anbausystem. – Hans »Nick« Roericht gründet seine Denkwerkstatt Design Research in Ulm.
1968 Die letzte Ausgabe von Die Schöne Wohnung ist mit 250 Seiten und über 600 Abbildungen üppiger und bunter als je zuvor. – Eine Ausstellung in Köln zeigt erstmals Pop-Art aus den USA, ein Kulturschock, von dem auch die documenta 4 lebt. Pop-Art und Popmusik werden vermischt. Stile kommen nun aus dem »Untergrund«. – Kunststoffmöbel verändern Seh- und Sitzweisen. Es gibt Skulpturen wie das Gartenei von Peter Ghyczy oder die schnittige Liege TV-relax von Luigi Colani, aber auch ergonomisch optimierte Sitzmaschinen wie die Stühle Floris von Günter Beltzig und SM 400 von Gerd Lange. – Der Inflation der Visionen steht auch streng Pragmatisches gegenüber. Während Rolf Heide bei seiner Stapelliege Schlafflächen wie Industriepaletten übereinander stapelt präsentiert Habit das erste stapelbare Sofa: Die Wohnlandschaft. – Auf der grünen Wiese türmen sich Trabantensiedlungen. Es werden Überholspuren und Fußgängerzonen angelegt. Alles scheint in das von Ulm projizierte Raster zu passen. – Auf der Ausstellung 50 Jahre Bauhaus in Stuttgart entdeckt Deutschland und die Welt eine verschüttete Vergangenheit. – Die Hochschule für Gestaltung in Ulm wird geschlossen.
1969 Willy Brandt, der erste sozialdemokratische Bundeskanzler, will »mehr Demokratie wagen«. – Das Leben der neuen Bohème zwischen Vietnam-Demonstration und sexueller Revolution zeigt der Spielfilm Rote Sonne, dessen Protagonisten sich auf Matratzen räkeln, ihre Beat-Scheiben aber nur einem coolen Plattenspieler von Braun anvertrauen. Sie sind nicht nur Kinder von Marx und Afri-Cola, sondern bringen auch die Flokati- und Plastikkultur unter eine Kapuze. Wie das auch geschäftlich funktioniert, zeigen bald Magazin und Mawa. Die Wohnung einer Hauptdarstellerin ist mit einem ultramodernen Möbelstück ausgestattet: dem Bofingerstuhl. – Das Systemdenken macht sich in den Mittelstandswohnungen breit. Die Kombinationsschränke mit ihren Wurzeln in der klassischen Moderne werden zu Raummöbeln und Funktionswänden weiterentwickelt, ein bis heute nicht abgeschlossener Vorgang, bei dem Designer wie Hans Gugelot, Herbert Hirche, Jürgen Lange und Peter Maly Entwicklungshilfe leisten. – Den neuen Bundespreis Gute Form gewinnt Burkhard Vogtherr mit einer Phono-TV-Kombination in vier Kugeln. – Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe sterben in den USA.
1970 Auf der Kölner Möbelmesse trumpft Poggenpohl mit einer Kugelküche von Luigi Colani auf: eine UFO-Variante der Frankfurter Küche. Sie wird noch übertroffen vom Totalinterieur Visiona, ein psychedelisches Environment, das der in Basel lebende Däne Verner Panton für den Chemiekonzern Bayer im Bauch eines Rheindampfers realisiert. – Peter Maly macht sich selbstständig und wird von Leo Lübke als freier Art Director zu Interlübke geholt, einem der ersten deutschen Unternehmen der Branche mit internationalem Zuschnitt. – Bei Schöner Wohnen folgt ihm Rolf Heide nach, der hier über zwei Jahrzehnte aus dem Hintergrund den Wohnstil der Bundesdeutschen durch seine inszenierten Bildwelten beeinflusst. – Die Kunststoffklinke 111 erschließt eine neue Farbenwelt. – Egon Eiermann stirbt in Baden-Baden.
1971 Die riesige Wohnlandschaft, mit der Rolf Benz sich erstmals auf der Kölner Möbelmesse zeigt, ist eine Einladung zum Fläzen und eine weitere deutsche Möbelinnovation. – In einem Stuttgarter Hinterhof entsteht aus Kapitalismuskritik und Idealismus die Geschäftsidee Magazin. – Molldesign von Reiner Moll ist das erste Studio in Schwäbisch Gmünd, heute Deutschlands heimliche Designerhauptstadt inmitten einer Innovationsregion.
1972 Luigi Colani verlegt sein Studio ins ostwestfälische Schloss Harkotten, eine Hochburg der Bad- und Möbelherstellung. – Als die Olympischen Spiele in München erstmals mit einer Party der Nationen eröffnet werden, beginnt das Projekt Sympathiewerbung, mit der Deutschland sich als ziviles Mitglied in der Völkergemeinschaft zurückmeldet. Ihr Impresario ist Otl Aicher, der erstmals ein homogenes Erscheinungsbild für ein solches Großereignis entwickelt. Es reicht vom Logo und Piktogrammen für die Sportarten über Wegweiser und Uniformen bis zur funktionalen Einrichtung der Zimmer im Olympischen Dorf, einem wabenartigen Monument in Beton. Viele dieser Elemente werden später bei vergleichbaren Veranstaltungen ebenso selbstverständlich wie die Idee der Totalgestaltung und der visuellen Kommunikation, Pionierleistungen, die das auf den neuesten Stand bringen, was Peter Behrens zu Beginn des Jahrhunderts geleistet hatte.
1973 Ein arabisches Öl-Embargo löst eine »Energiekrise« aus und tabuisiert Plastik. – Die »Bio-Läden« erweitern das Körnerangebot.
1974 Der schwedische Möbelhersteller Ikea eröffnet bei München ein Kaufhaus, dem bald weitere folgen. Das Unternehmen, dessen frühe Expansion weitgehend in Deutschland stattfindet, kommt mit seiner Billigpolitik zum richtigen Moment. Es wird Lieferant für junge, unkonventionelle Käufer und, neben Schöner Wohnen, zum wichtigsten Geschmackserzieher in Wohnfragen. – Die Brause Tribel von Hansgrohe ist tatsächlich ein Duschkopf.
1975 Herbert Ohl überträgt für O-Line das Netz ins Sitzdesign. – Seit der Avantgarde-Kollektion von Rasch kann sich jeder mit Pop-Art umgeben. – Flötottos totales Profilsystem macht andere Möbel überflüssig.
1977 Siegfried Bensinger wird Chef-Innenarchitekt in der Redaktion von Schöner Wohnen, die immer noch Trends setzt. Das Buch vom Wohnen vertreibt die Zeitschrift über die Kaffee-Ladenkette Tchibo. – Im Hinterhofmilieu von Berlin-Kreuzberg entsteht die Designmarke Mawa. – Im »Deutschen Herbst« kulminiert der Linksterrorismus.
1978 Robert Venturis Learning from Las Vegas (dt. Lernen von Las Vegas, 1979) ist das Omen der Postmoderne. – Stefan Wewerka erfindet den Antifunktionalismus und verbindet die Kunst mit dem Sitzen. Er verweigert sich mit dem dreibeinigen Stuhl B 1 und weiteren verdrehten Entwürfen hartnäckig dem rechten Winkel.















