1933-1945 pervertierte moderne
Das Bauhaus wurde von den Nationalsozialisten sofort nach der Machtübernahme geschlossen. Doch der erste Einfruck täuscht. Neben der Verfolgung, die sich gegen "rassisch" und ideologisch Missliebige richtete, gab es im "Dritten Reich" auch erstaunliche Kontinuität. Vertreter der Moderne, darunter etliche Bauhausschüler, setzten ihre Arbeit fort. Prominente Beispiele sind Hermann Gretsch und Wilhelm Wagenfeld. Wobei ersterer auch als Funktionär des Regimes Prinzipien des Deutschen Werkbundes verbreiten konnte. Der offizielle Stil changierte zwischen Historismus, Machtdemonstration und seichtem Modernismus.
meilenstein
1936 Olympiastuhl
innovationen
chronologie
1933 Unter Reichskanzler Hitler wird die Demokratie abgeschafft. Als Symbol des so genannten »Kulturbolschewismus« muss das Bauhaus schließen, nicht zuletzt weil es zu international ist. – Die Unterdrückung Andersdenkender verursacht eine Auswanderungswelle unter Intellektuellen, darunter nahezu die gesamte Bauhaus-Lehrerschaft und zahlreiche Vertreter der Neuen Sachlichkeit. – Hitler nimmt Kontakt zu den Vereinigten Werkstätten auf, die nun zahlreiche Räume für NS-Größen gestalten. Die Vorhalle in der »Führerwohnung« der Alten Reichskanzlei ist das erste Interieur des »Dritten Reiches«, das Angst einflößen soll. - In Deutschlanf gibt es fast fünf Millionen Arbeitslose. Ein Arbeiter verdient maximal 150 Mark netto. Ein Brot kostet 40 Pfennig. - Um den Effekt der Propaganda zu steigern, wird die Produktion von "Volksempfängern" angekurbelt. Das sind Radios in Serienproduktion, die 76 Mark kosten. Bis 1937 werden zweieinhalb Millionen Geräte verkauft. Das Gehäuse des Ur-Einheitsradios stammt von Walter Maria Kesting und ist ein Entwurf der Neuen Sachlichkeit aus dem Jahr 1928.
1934 Das Buch Die Schöne Wohnung wird in der Ausgabe von 1931 nochmals aufgelegt. – Hitler fordert »Schlichtheit« und »würdige Haltung« als Merkmale eines »deutschen Stils«, der allein wegen des Kompetenzwirrwarrs nicht zustande kommt.
1935 Wilhelm Wagenfeld stößt bei den Lausitzer Glaswerken als erster Künstler ins Management einer Firma vor. Der Funktionalist, der das Glas im Haushalt populär macht, ist das prominenteste Beispiel für eine
erstaunliche Kontinuität der Moderne in der NS-Zeit. Auch zahlreiche Bauhausschüler finden Nischen im Regime. – Die Absatzzahlen der Stahlrohrmöbel steigen während der 30er Jahre deutlich an. Zeppeline, die das Reich repräsentieren, sind weiterhin damit ausgestattet. – Hitlers »Berghof« auf dem Obersalzberg wird als ideales »deutsches Heim« gepriesen. Das Interieur stammt wiederum von den Vereinigten Werk- stätten. Der Stil changiert zwischen Bauernstube, Machtsymbolik und Neo-Historismus. Vergleiche zu Neuschwanstein drängen sich auf.
1936 Bei den Olympischen Spielen in Berlin gibt sich das Regime weltoffen. In Berliner Bars erklingt Swing-Musik. Die Sportler sitzen auf dem leichten Sperrholzstuhl 2200. – Die meisten Tankstellen und Raststätten der neuen, auch ästhetisch durchgeplanten Autobahnen werden im »Heimatschutzstil« errichtet. Innen sieht es ebenfalls rustikal aus. – Die Blut-und-Boden-Ideologie führt zu einer Bevorzugung des Kunsthandwerks, das aber eine Randerscheinung bleibt. Die zahlreichen Spielfilme aus UFA- und Hollywood-Produktion treffen dagegen eher den Geschmacksnerv.
1937 Der von Alber Speer entworfene deutsche Pavillon auf der Welt- ausstellung in Paris ist ein Paradebeispiel brachialer Herrschaftsarchitektur.
1939 In der Deutschen Warenkunde, einem vom Propagandaministerium lancierten, umfangreichen Almanach vorbildlicher Gebrauchsartikel, werden auch Produkte emigrierter Künstler empfohlen, wie der Oranier-Ofen von Walter Gropius. Zu den Autoren gehören Modernisten wie Hermann Gretsch und Hans Schwippert. – Eine Begleitausstellung zur Leipziger Messe zeigt einmal mehr Deutsches Wohnen und macht das Adjektiv für lange Zeit unbrauchbar. – Der Zweite Weltkrieg beginnt.
1940 Im Gefühl des sicheren Sieges beginnt eine wohnpädagogische Offensive. In Ratgebern wird ein gemäßigter Modernismus empfohlen. Das auf fünf Bände angelegte Werk Hausrat, der zu uns passt. Ein Wegweiser für alle, die sich zeitgemäß einrichten wollen wird von Hermann Gretsch herausgegeben, der zahlreiche Ämter bekleidet und auch die Schulungsburgen der Deutschen Arbeitsfront ausstattet. – Der Bau des Konzentrationslagers Auschwitz beginnt. – Die Vernichtung von Wohngebieten durch Luftangriffe setzt ein.
1941 Verschiedene staatliche Stellen veröffentlichen Wohnratgeber wie Deutscher Hausrat, eine Mustersammlung des Reichsheimstättenamtes, das auch das Gütezeichen der Deutschen Arbeitsfront vergibt. – In der Neuauflage von Die Schöne Wohnung, dem Standardwerk für Innenarchitekten, dominiert ebenfalls eine verblümte Moderne. Mit Ausnahmen: Auf einem Stahlrohrtisch von Josef Hillerbrand steht das Urbino-Geschirr von Trude Petri.
1945 Der Zweite Weltkrieg ist beendet. Allein in Berlin sind über eine halbe Million Wohnungen zerstört.








