1919-1933 neue leere
Im Ersten Weltkrieg kamen die alten Werte abhanden. Es roch nach Revo- lution. Die Zensur wurde abgeschafft. Dadaisten feierten den Tod der Kunst. Walter Gropius nutzte die Gunst des Umbruchs und gründete das Bauhaus, die erste Kunstakademie, die zum Anziehungspunkt der Avant- garde und zum Labor für neue Formen wurde. Die Reduktion eines Sessels auf sein Rohrgerüst war für viele Jahre der Dreh- und Angelpunkt im gestalterischen Denken und löste weltweit eine Welle von Epigonen aus. In vielen deutschen Städten arbeiteten Architekten an der Versachlichung der Wohnumwelt durch Eliminierung aller Dekoration. Die "Wohnung für das Existenzminimum" wurde zum Schlagwort der Sozialdesigner.
Meilensteine
1920 Sessel F 51, Bauhausteppich,
1922 Bauhausklinke
1924 Lampe WA 24, Tee-Kännchen
1925 Lampe HMB 25, Clubsessel B 3
1926 Frankfurter Küche
1927 Freischwinger MR 10, Kramerstuhl
1929 Sessel MR 90 Barcelona, Stuhl B 32
1930 Stuhl MR 50 Brno, Lichtschalter, Bauhaustapete, Lampe "6632"
1931 Sevice Urbino, Service Form 1382
1932 Regal Eiermann
1933 Servierwagen S 179
chronologie
1919 Die erste deutsche Republik und das Staatliche Bauhaus entstehen in Weimar. Gründungsdirektor Walter Gropius stellt seine Akademie in die Tradition der Werkstätten. – Mit Kaiser und Reich verschwand auch die alten Ordnung. Aufbruchs- und Endzeitgefühle stehen sich gegenüber. In Berlin bricht das Tanzfieber aus. Die Zeitschrift Dada erschreckt die Bürger.
1920 Das Direktorenzimmer von Gropius, für das er den Sesselkubus F 51 entwirft, ist ein räumliches Manifest. Josef Albers und Marcel Breuer stoßen zum Bauhaus, das wie ein Magnet auf junge, zukunftsgierige Künstler wirkt. Der Expressionist Johannes Itten, nun Meister am Bauhaus, bringt 15 Studentinnen aus Wien mit. In der Weberei entstehen abstrakte Teppiche. – Jazzrhythmen und Bubiköpfe sind der letzte Schrei. Ein Militärputsch wird durch Generalstreik abgewehrt. Die junge, tief gespaltene Demokratie wankt. – In dem expressionistischen Film Das Cabinet des Dr. Caligari, in dem das Licht und die Kulissen Hauptrollen spielen, gibt es keinen rechten Winkel.
1921 Der niederländische Architekt Theo van Doesburg, Mitgründer der Künstlergruppe »de Stijl«, hält Gastvorträge am Bauhaus, dem der Formasket entscheidende Impulse gibt. Reduktion auf das Wesentliche heißt ab sofort die Methode. Man versteht sich nun auch als Laboratorium für die Industrie und will »Typen« entwickeln, die für eine ganze Produktgruppe vorbildlich sind.
1922 Die vom Deutschen Werkbund herausgegebene Zeitschrift die form ist der Urahn aller Designmagazine. – In seinem Buch Die schöne Wohnung zeigt Hermann Muthesius vorbildliche Innenräume im Werkstättenstil. Es gehört bald zur Pflichtlektüre für Innenarchitekten und wird bis Ende der 60er Jahre mehr als ein Dutzend Mal, in häufig komplett überarbeiteten Auflagen herausgegeben. – In Köln eröffnet die Schauburg, ein Großkino, wie es sie bald in allen Großstädten geben wird.
1923 Das Musterhaus »Am Horn«, mit dem sich das Bauhaus erstmals präsentiert, ist ein Experiment für »Neues Wohnen«. Die Einrichtung basiertauf Konzepten, bei denen Mechanik und Modularität eine wichtige Rolle spielen, wie etwa bei dem innovativen Kinderzimmer von Alma Buscher. Zur Sensation wird die Ausstellung aber vor allem durch die schockierende Schlichtheit der Räume. – In Hamburg entwirft Karl Schneider die Villa Michaelsen, ein Frühwerk des »Neuen Bauens«, und des »offenen Wohnens«. – Die Geldentwertung erreicht den Höhepunkt. Die Brotausgabe wird eingeführt. Aus dem Radio schallt erstmals eine Unterhaltungssendung.
1924 Die Wirtschaft erholt sich. Berlin wird zur Weltmetropole der Kultur. – Form ohne Ornament heißt eine Wanderausstellung des Deutschen Werkbundes, die das Motto der Modernisten vorgibt. – Marianne Brandt revolutioniert mit ihrem dekorfreien Tee-Extrakt-Kännchen den Esstisch. – Die heutzutage zur »Bauhaus-Lampe« geadelte Leuchte WA 24, ein Gemeinschaftswerk von Carl J. Jucker und Wilhelm Wagenfeld, gehört zu den ersten Produkten, die zu einem Typus werden, jedoch noch kaum Verbreitung finden. – In Celle entsteht die Siedlung Georgsgarten. Ihr Architekt Otto Haesler, ein Vorreiter des Zeilenbaus, sieht bereits kombinierte Wohn-Ess-Zimmer und kleine Kochnischen vor, die zum Vorbild für die Frankfurter Funktionsküche von 1926 werden.
1925 Im Stahlrohrsessel B3 von Marcel Breuer, der wie ein Fahrrad auf seinen Rahmen reduziert ist, findet die angestrebte Fusion von Industrie und Kreativkräften ihren prägnanten Ausdruck. – Der Sozialist Ernst May, nun oberster Stadtbaumeister in Frankfurt, leitet das ehrgeizigste Wohnprojekt der klassischen Moderne. Hier entstehen weit über 10.000 Wohnungen, für die Ferdinand Kramer einfache »Typenmöbel« entwickelt. Das tagsüber hochgeklappte Frankfurter Bett ist eine der raumsparenden Errungenschaften. Mitten im »Neuen Frankfurt«, nun ein weiteres Mekka der Avantgarde, baut die Firma Braun ihre neue Fabrik. – Der öffentliche Wohnungsbau kommt in Gang. Im Vorort Britz entsteht nach Plänen von Bruno Taut die erste Berliner Großsiedlung im Grünen. In seinem Buch Ein Wohnhaus stellt Taut zwei Jahre später seine Einrichtungsideen vor, darunter ein Esstisch, bei dem eine schwarze Gummischicht die weiße Tischdecke ersetzt. – Ausstellungen spiegeln den Zeitgeist. In Dresden geht es um Wohnung und Siedlung, eines der brennenden Themen. Neue Sachlichkeit in Mannheim zeigt einen gestochen scharfen, in Deutschland entstandenen Realismus. Der Titel wird zur Schlagzeile der Moderne. Aus der Exposition des Arts Décoratifs geht in Paris der Art-déco-Stil hervor.
1926 Das Bauhaus zieht nach Dessau in ein neues Gebäude, das dem Ideal eines funktionalistischen Totalkunstwerks recht nahe kommt. Das Ereignis wird inszeniert, nicht zuletzt mittels der neuen Stahlrohrmöbel. Sie sind das greifbare Symbol der anti-gemütlichen Ästhetik. Zur Hochschule gehören sieben Meisterhäuser, in denen das kühle Ambiente auch für Journalisten zelebriert wird. Lieblingsvokabeln der Wohnrebellen sind Luft und Licht. Dafür sorgen große Fenster und das monochrome Weiß der Wände, das die Räume noch leerer erscheinen lässt. – Die Zeitschriften bauhaus und Das Neue Frankfurt sind Sprachrohr und Diskussionsforum. – In Weimar entwirft Erich Dieckmann an dem in Bauhochschule umgetauften Ex-Bauhaus weiterhin modernes Mobiliar. – Der Holländer Mart Stam, später Gastdozent am Bauhaus, erfindet den Freischwinger, eine Möbelgattung, die ein Jahr später durch Mies van der Rohes Sessel MR10 endgültig ein Hit wird. – Margarete Schütte-Lihotzky rationalisiert in ihrer Frankfurter Küche das Kochen. Es ist das Urbild aller kompakten Zeilenküchen. – Der Funktionalismus, schreibt Hermann Muthesius in der zweiten Ausgabe seines Buches Die Schöne Wohnung, sei, wie vormals der Jugendstil, nur ein »exzentrisches« Intermezzo. – In Europa tobt das Charleston-Fieber. Es beginnt jene Phase der 20er Jahre, die sich als »wild« ins Kollektivgedächtnis einbrennt.
1927 Die Mustersiedlung in Stuttgart-Weißenhof versammelt eine Garde junger Architekten, die das »Neue Wohnen« repräsentieren, darunter Josef Frank, Walter Gropius, Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe, Hans Scharoun und Mart Stam. Durch den radikalen Bruch mit dem Gewesenen erscheinen ihre Wohnkonzepte einheitlicher als sie es tatsächlich sind. Obwohl oder gerade weil das Projekt ebenso stark umstritten ist wie das Bauhaus, gibt es der modernen Bewegung Schub. – In Hamburg entstehen große Wohnblöcke wie die Heidburg, deren 470 Wohnungen der Architekt Karl Schneider ausstattet. Im Hamburger Gewerkschaftshaus zeigt die Ausstellung Neues Wohnen, wie man vorhandenes Mobiliar »im
neuzeitlichen Sinne« umwandeln, sprich von Verzierungen befreien kann. Wohn- und Lebensreform haben die Sozialdemokratie erreicht, auch wenn Arbeiter ihr nicht selten skeptisch gegenüberstehen. – WK bringt mit dem modularen Programm Aufbaumöbel das erste Schranksystem auf den Markt. Das Mobiliar kann nach und nach angeschafft werden. Ein Schrank, der um 300 Mark kostet, ist bei maximal 100 Mark Monatslohn für eine Arbeiterfamilie schon eine große Ausgabe. – Der Berliner Theaterregisseur Erwin Piscator, der aus Aufführungen Medienspektakel macht und dabei auch auf die Mitarbeit des Konstruktivisten László Moholy-Nagy zurückgreift, lässt seine Wohnung von dessen Kollegen Marcel Breuer umgestalten. Das provozierend kahle Interieur erregt immenses Aufsehen in der Presse. – Der junge englische Künstler Francis Bacon fährt nach Berlin der Libertinage wegen und führt nach seiner Rückkehr die Stahlrohrmanie in London ein.
1928 Das Frankfurter Register erscheint. Der Katalog neusachlicher Produkte ist eine Fundgrube für Architekten. Die erste Ausgabe zeigt Leuchten von Christian Dell. – Der Opel-»Raketenwagen« bricht auf der Berliner Avus Rekorde.
1929 Der von Ludwig Mies van der Rohe entworfene deutsche Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona, den er mit eigenen Möbeln bestückt, macht Neue Sachlichkeit zum republikanischen Stil. – In Frankfurt zeigt die Ausstellung Der Stuhl modernes Sitzgerät aus verschiedenen Ländern. – In Magdeburg wird Neue Typografie ausgestellt. Um sie zu sehen, muss man nicht ins Museum gehen. Klare Schriftarten werden nun auch in der Reklame verwendet. So entwirft der Frankfurter Grafiker Robert Michel Schriftzüge für Esso und Shell, die sich ein Erscheinungsbild im sachlichklaren Stil zulegen. – Mit Befreites Wohnen von Siegfried Giedion erscheint ein weiteres aufklärerisches Werk. – In Frankfurt diskutiert ein internationaler Kongress über die »Wohnung für das Existenzminimum«. – In Köln findet die erste Kölner Möbelmesse im neuen Messegebäude statt. – Der Börsenkrach in New York stürzt die Welt in eine Wirtschaftskrise.
1930 Die Bauhaustapeten der Firma Rasch sind das erste Produkt, bei dem der Name der Hochschule zur Marke wird. – Mit den celler volks-möbeln von Otto Haesler und den Typenmöbeln von Karl Schneider bringen zwei Modernisten ihre Entwürfe auf den Markt. – Bruno Paul entwickelt die Wachsende Wohnung, ein weiteres additives Möbelsystem. – Das Filmmusical Die Drei von der Tankstelle endet in der Zentrale eines Konzerns, der alle Attribute der Neuen Sachlichkeit aufweist. Das reale Filmvorbild ist das neue Berliner Shell-Haus.
1931 Die komplett überarbeitete Ausgabe von Die Schöne Wohnung ist ein Panorama des »Neuen Wohnens«. – Die Neue Sachlichkeit erreicht ihren Zenith und die Kaufhäuser. Porzellangeschirr wie das Modell 1382 von Hermann Gretsch und Urbino von Trude Petri zeigen, dass der neue Stil nun auch auf dem Mittagstisch akzeptiert ist. Klarheit ist die Chiffre für Fortschritt. – In Plauen entsteht eine jüdische Synagoge im Stil des »Neuen Bauens«.
1932 Sechs Millionen Deutsche sind arbeitslos. Die wirtschaftliche und politische Lage spitzt sich zu. – Auf der Berliner Sommerschau Sonne, Luft und Haus für alle zeigen im Wettbewerb Das wachsende Haus 24 Architekten kleinformatige Musterhäuser, die sich erweitern lassen. Vertreten sind Erich Mendelsohn, Hans Scharoun und Egon Eiermann. – Die Ausstellung Architecture: International Exhibition im New Yorker Museum of Modern Art führt den von Deutschland ausgehenden Funktionalismus in den USA ein.


















