Bank, Entwurf Henry van de Velde
Reformerisches Möbelbuch, herausgegeben von den Deutschen Werkstätten, Dresden 1901
Musikzimmerstuhl, Entwurf Richard Riemerschmid 1899, Hersteller vormals Vereinigte Werkstätten für Kunst und Handwerk und Liberty
Kleiderständer, Hersteller vormals Deutschen Werkstätten Hellerau um 1910, Bildquelle Quittenbaum
Reformeinrichtung, frühes 20. Jahrhundert
Besteck, Entwurf Richard Riemerschmid 1911, Bildquelle Quittenbaum
Tennisclub Chemnitz, Entwurf Henry van de Velde 1908
Tasse, Entwurf Henry van de Velde 1903, Hersteller vormals Porzellanmanufaktur Meißen
Stuhl, Entwurf Richard Riemerschmid 1909
Markenzeichen AEG 1896
Markenzeichen AEG um 1900
Markenzeichen AEG 1910, Entwurf Peter Behrens
Teekessel, Entwurf Peter Behrens 1909, Hersteller vormals AEG
Elektrische Wanduhr, Entwurf Peter Behrens 1910, Hersteller vormals AEG

1898-1918 wiege des designs

 

Das Kaiserreich lebt in der kollektiven Erinnerung als Karikatur einer Gesellschaft, in der der militärische Drill bis in die letzte Schnurrbartspitze reichte. Darüber wird vergessen, dass Deutschland um 1900 zu den dynamischsten Nationen gehörte, die sich nicht nur zum Wirtschaftsriesen entwickelte, sondern auch eine kulturelle Avantgarde hervorbrachte. Unter dem Motto "Lebensreform" entwickelte eine bunte Subkultur das "ehrliche" Gegenprogramm zum überladenen Historismus in Kunst, Architektur und Wohnen.

 

Meilensteine

1899 Musikzimmerstuhl, Fischservice

1901 Stühle Haus Behrens

1903 Service Blattdekor

innovationen

 

Der industrielle und wissenschaftliche Aufschwung brachte zahlreiche technische Innovationen hervor, die den Alltag ein für alle mal veränderten, darunter Automobil, Kaffeefilter, Kleinbildkamera und Thermoskanne. Unter der Zielsetzung einer neuen "Raumkunst" entstanden Reformmöbel sowie praktischer Hausrat. Eine Besonderheit war die umfassende Konzeption des Gesamtkunstwerks, die nicht nur auf private Einrichtungen, sondern auch auf die Industrieproduktion übertragen wurde.

chronologie

 

1898 Die Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk in München und die Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst werden nach englischem Vorbild gegründet. Die beiden erfolgreichen Unternehmen fusionieren ein gutes Jahrzehnt später zu den Deutschen Werkstätten. Sie markieren den Beginn der Werkstättenbewegung, die eine vom Jugendstil inspirierte »Raumkunst« anstrebt. In München konzentriert sich eine Vielzahl von Kreativen, darunter Peter Behrens, August Endell, Hermann Obrist, Josef Maria Olbrich, Bruno Paul und Richard Riemerschmid. In Dresden will der Handwerker und Idealist Karl Schmidt aus seinem Unternehmen ein reales Utopia machen. Es wird bald in den Vorort Hellerau verlegt und dort in eine Gartenstadt eingebettet, deren Architekt Riemerschmid ist. (weitere Gründungen: 1899 die Werkstätten für angewandte Kunst von Henry van de Velde in Berlin, 1900 die Saalecker Werkstätten des Architekten und »Heimatschutz«-Pioniers Paul Schulze-Naumburg, 1902 die Königlichen Lehr- und Versuchswerkstätten in Stuttgart, 1903 die Wiener Werkstätte). – Der Skandal um die Jugendstilfassade des Fotoateliers Elvira in München zeigt, wie stark der Jugendstil polarisiert. – In Essen entsteht der erste Verein für Freikörperkultur. – Nach Bismarcks Tod werden Hunderte von Gedenktürmen errichtet, nicht wenige als genormtes »Serienprodukt«.

 

1899 Auf der Darmstädter Mathildenhöhe entsteht eine Künstlerkolonie. Ihr Initiator Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, ein enger Verwandter der englischen Königin, kennt die dortige Reformkunst und ist ein Freund der Wiener Sezessionisten. – Dresden variiert das Thema Wohnen. Bei der Volksthümlichen Ausstellung für Haus und Herd geht es um einfache Dinge. Die Deutsche Kunstausstellung wird durch ein Musikzimmer von Richard Riemerschmid berühmt. Der dazugehörige Musikzimmerstuhl gilt als frühe Sternstunde innovativer Formgebung.

 

1900 Auf der ansonsten eher konservativen Weltausstellung in Paris gewinnen deutsche Neuerer Goldmedaillen wie z.B. ein Fischgeschirr von Nymphenburg. Der turbulente Jugendstil, der bereits selbst wieder verebbt, hat dem Historismus den Garaus gemacht. Noch ist die Geschmackswende nicht vollendet. Die Devise heißt jetzt Vernunft und Sachlichkeit. – Die Zeitschrift Kunstwart veröffentlicht Zehn Gebote zur Wohnungseinrichtung. Punkt eins: »Richte dich zweckmäßig ein!«. – Der Berg Monte Veritá im Schweizer Tessin dient als Fluchtpunkt für »Lebensreformer«, einer bunt gemischten bürgerlichen Subkultur, die aus dem Drang nach Natürlichkeit Gegenkonzepte zum wilhelminischen Untertanengeist entwickelt. Die reichen von Ausdruckstanz und Freikörperkultur über Naturheilkunde und Reformkleidung bis zu Vegetarismus und Wandervogel-Romantik. Zum Umkreis dieser Alternativszene gehören auch die Werkstätten. – Henry van de Velde zieht nach Berlin. Auf dem Deutschen Schneidertag spricht der inzwischen gefragte Künstler über »Reformkleidung«. – In Wuppertal eröffnet ein Reformhaus-Geschäft für gesunde Kost.

 

1901 Als Ein Dokument deutscher Kunst zeigt die zwei Jahre zuvor gegründete Mustersiedlung auf der Mathildenhöhe in Darmstadt Wohneinrichtungen als Gesamtkunstwerke. Als besonders gelungen gilt das Haus von Peter Behrens. – Der erste Band der Kulturarbeiten von Paul Schultze-Naumburg trifft den Nerv der Zeit. Der Konservative prangert darin die Entgleisungen des Historismus an.

 

1902 Der Dürerbund in Dresden fördert die »ästhetische Erziehung des Volkes« und findet dafür in nur zehn Jahren etwa 300.000 Mitstreiter, die zugleich Leser der Zeitschrift Kunstwart sind. – Henry van de Velde geht nach Weimar, wo er bald Leiter jener Kunstgewerbeschule wird, aus der das Bauhaus hervorgeht. – Der Jugendstil-Pavillon von Peter Behrens auf der Gewerbeausstellung in Turin macht Schlagzeilen. – Der Architekt Alfred Grenander, Wahl-Berliner wie Behrens und van de Velde, gründet den Werkring, ein Bund für progressives Kunstgewerbe.

 

1903 Im Zuge einer Designreform von oben wird Behrens Direktor der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf. – Thermoskanne und Zündkerze sind zwei Erfindungen von vielen. – Eine Truppe schwarzer Tänzer aus den USA führt den Cakewalk in Berlin ein. Ragtime-Rhythmen bringen die Unterhaltungsindustrie in Schwung und die straffe Etikette ins Wanken.

 

1904 Auf der Weltausstellung in St.Louis präsentiert sich Deutschland wiederum erfolgreich mit seinen Reformern. Der von Alfred Grenander konzipierte Auftritt wird ein großer Erfolg für die »Raumkünstler«, die sich in Übersee teilweise erst kennenlernen.

 

1905 In Deutschland wird heftig diskutiert, wie eine »schöne Wohnung« aussieht. – Richard Riemerschmid, mittlerweile ein Prominenter, arbeitet für die Porzellanmanufaktur Meißen, die Westerwälder Steinzeugindustrie Villeroy & Boch und WMF. – Der Küchenhersteller Poggenpohl produziert Möbel im schlichten Werkstättenstil. – Ludwig Mies van der Rohe zieht nach Berlin. – In Dresden beginnt die Künstlergruppe Die Brücke mit dem »unmittelbaren und unverfälschten« Malen. – Einstein formuliert seine Relativitätstheorie.

 

1906 Auf der III. Deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung in Dresden werden Riemerschmids Maschinenmöbel gezeigt, ein umfangreiches, erstmals auf Fabrikproduktion zugeschnittenes Möbelprogramm.

 

1907 Der Deutsche Werkbund ist der erste nationale Designverband und führt Künstler und Hersteller zusammen, ein Modell, das von anderen Ländern wie etwa England und Schweden übernommen wird. Durch Publikationen und Ausstellungen wie 1912 in den USA, 1914 in Köln und 1927 in Stuttgart wird das aufklärerische Projekt voran gebracht. Da es aber ebenso um Exportförderung geht, ist auch der Chauvinismus stark vertreten, was in Kampfbegriffen wie »deutsche Wertarbeit« anklingt. – Peter Behrens, ein Mitbegründer des Werkbunds, wird künstlerischer Berater der AEG in Berlin. Für den Elektrokonzern, dessen hochmoderne Produkte bis dahin historistisch verziert wurden, entwickelt der Pionier des Industriedesigns ein sachlich gestaltetes Sortiment und ein schlankeres Erscheinungsbild. Dieses umfassende Programm ist eine Weltpremiere.

 

1908 Bruno Paul entwirft erste Typenmöbel, ein Ausdruck, den sich die Reformer zu eigen machen. – In Ratgebern wie Wohnung und Hausrat. Beispiele neuzeitlicher Wohnräume und ihrer Ausstattung werden Werkstättenprodukte empfohlen. – Das Buch Das Haus in der Sonne, in dem der schwedische Maler Carl Larsson ein ländliches Familienidyll idealisiert, trifft die Seelenlage der Deutschen.

 

1910 Eine Möbelausstellung der sachlichen »deutschen Schule« im Pariser Grand Palais wird in der dortigen Presse bejubelt. Nur Frankreichs Regierung reagiert negativ und verschiebt aus Angst vor der Dominanz des Nachbarn eine für 1915 geplante Gewerbeausstellung. – Der Historismus überlebt im »Stilmöbel«, wie beim deutschen Beitrag auf der Weltausstellung in Brüssel zu beobachten ist.

 

1911 Die Deutschen Werkstätten beauftragen 20 Künstler mit Entwürfen für Das Deutsche Hausgerät, ein Möbelprogramm in Elementbauweise von bis dahin unbekanntem Umfang. Alle Volksschichten sollen damit angesprochen werden. – Die in Hellerau gegründete Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus wird zu einer Wiege des modernen Tanzes. – Walter Gropius erhält von den Fagus-Werken in Alfeld bei Hannover den Auftrag, einen Fabrikbau zu errichten, der als Urtyp des Funktionalismus gilt. – Die Tango- Welle schwappt nach Europa.

 

1912 Die Reihe der Werkbundjahrbücher beginnt (bis 1920). – Eine vom Werkbund organisierte Ausstellung mit weit über 1.000 Exponaten tourt durch die USA. Das ist die bis dahin größte Designkampagne. – Durch den von den Werkstätten inspirierten WK Verband für »Wohnungskunst«, der von der Firma Behr beliefert wird, bekommt die Stilreform ein weiteres kommerzielles Standbein. – Ausstellungen wie Gediegenes Gerät fürs Hausin Dresden-Hellerau oder die Wohnungsausstellung in Bielefeld vermitteln die neue Zurückhaltung bei der Einrichtung.

 

1914 Die Werkbund-Ausstellung in Köln, ein imposantes Schaufenster des Designaufbruchs, muss vorzeitig schließen, weil der Weltkrieg beginnt. Viele Intellektuelle sind vom Kriegsfieber infiziert. – Der Stahlhelm, ein frappierend funktionaler Entwurf, wird zum Symbol des deutschen Militärs.

 

1915 Im Deutschen Warenbuch, einem Baedeker vorbildlicher Produkte, werden Grundformen nobilitiert. – Mitten im Krieg zeigt der Werkbund eine Ausstellung deutscher Möbel in London, später auch noch in Basel, Bern und Kopenhagen.

 

1917 Für das Kronprinzenpaar entwirft Werkbund-Mitbegründer Paul Schulze-Naumburg den Cecilienhof in Potsdam, ein 176-Zimmer-Palast im englischen Cottage-Stil. Die Werkstätten sind im Kaiserhaus angekommen. In dem auf Hungerration gesetzten Volk löste das Millionenprojekt allerdings Empörung aus. – Henry van de Velde verlässt Deutschland nach ausländerfeindlichen Demütigungen.

 

1918 Der Erste Weltkrieg endet mit Kapitulation und Revolution.