Gartenstuhl Berlin, Entwurf Karl Friedrich Schinkel 1830 , Hersteller heute Anthologie Quartett
Biedermeier-Flakon um 1820, Bildquelle Quittenbaum
Sofa, Entwurf Friedrich Schinkel, Hersteller heute Anthologie Quartett
Weihnachten, Zeichnung Ludwig Richter, Mitte 19. Jahrhundert
Bugholzstuhl Nr.14 von 1859 in Einzelteile zerlegt, Hersteller Thonet
Bugholzstuhl Nr.14 mit Armlehnen, Hersteller Thonet
Kaiser Wilhelm II. mit Zwirbelbart
Buch "Also sprach Zarathustra von Friedrich Nitzsche", Umschlagentwurf Henry van de Velde, Bildquelle Quittenbaum
Schaukelstuhl um 1880, Hersteller Thonet, Bildquelle Quittenbaum
historistisches Kaffeeservice, Hanau 1875, Bildquelle Quittenbaum

1815-1897 sieg der einfachheit

 

Trotz politischer und wirtschaftlicher Rückständigkeit kamen im 19. Jahr- hundert aus Deutschland wichtige Beiträge der Kultur. Dazu zählt, neben einer Blüte der Wissenschaften, der Literatur und der Musik, auch der Stil des Biedermeier, der die Zurückhaltung erstmals zum Programm machte. Nach der Verdrängung durch den grellen Historismus schlug um 1900 das Reformpendel überraschend abermals in eine schlichte Richtung - die doppelte Erfindung der Einfachheit.

 

Meilensteine

1830 Stuhl Berlin,

1859 Stuhl Nr. 14

1891 Cocktailshaker Nr. 1 / 2

 

innovationen

 

Der frühe Minimalismus in der Ära des deutschen Biedermeier ist in seiner Tragweite für die Entstehung der Moderne bis heute noch weitgehend unterschätzt. Allerdings gelten die in jener Epoche entstandenen, massengefertigten Gartenmöbel von Friedrich Schinkel, Preußens Chefkünstler und -baumeister, als Pioniertat des Industriedesigns. Die Bugholzmöbel von Michael Thonet, dem erfinderischen Tischler aus dem Rheinland, der in Wien Karriere machte, setzten dies zwei Jahrzehnte später fort. in einer siebenstelligen Dimension. Eine gänzlich andere Neuerung, die sich weltweit verbreitete, stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Das neu entstandene bürgerliche Familienidyll schuf sich das passende Fest: Weihnachten. Fast sämtliche bekannten Requisiten, allen voran der Weihnachtsmann und der Weihnachtsbaum, stammen aus Deutschland.

 

chronologie

 

1815 Dem Wiener Kongress folgt Europas feudale Restauration. In deutschen Stuben zieht ein schlichter Wohnstil ein. Als Gegenentwurf zu französischer Eleganz blüht hier erstmals die Kunst des Weglassens. Die von Romantik und Klassizismus geprägte Epoche, später verächtlich Biedermeier genannt, wird zum Urbild deutscher Bürgerlichkeit und zugleich eine Vorform moderner Wohnstile. Die neuzeitliche Zimmeraufteilung entwickelt sich. – Karl Friedrich Schinkel ist Preußens Chefarchitekt, aber auch ein Erfinder origineller Möbel und eine Autorität in Geschmacksfragen. Ein Stück epochales Industriedesign ist sein Gartenstuhl Berlin für die neu angelegten Parkanlagen.

 

1830 Auf Ausstellungen erscheinen Möbel, die vergangenen Epochen nachempfunden sind. Der Historismus beginnt in Deutschland und mit ihm die vergebliche Suche nach einem »deutschen Stil«. Eine Historismus-Galerie zeigt Beispiele für den rückwärtsgewandten Stilmix.

 

1835 Der Pionier Michael Thonet wendet seine Holzbiegetechnik in Boppard am Rhein auf einen Stuhl an und entwickelt daraufhin Serienmöbel. Stuhl Nr.14 von 1859 ist das erste millionenfach produzierte Möbel und ein frühes Stück Industriedesign.

 

1871 Durch die Reichsgründung wird Deutschland vereint. Die »verspätete Nation« erlebt zwei industrielle Revolutionen im Zeitraffer und wird zu einer führenden Wirtschaftsmacht. Die Bevölkerungszahl steigt bis 1910 um mehr als die Hälfte auf 65 Millionen. Der ungeheuren Dynamik steht ein starres System gegenüber, in dem das Militär den schneidigen Ton angibt. – Wie im übrigen Europa kleidet sich der neue Reichtum in einen überladenen Historismus. Die »gute Stube« wird zur Theaterkulisse.

 

1875 Berlin hat nun eine Million Einwohner und entwickelt sich zu einer Metropole mit enormer Anziehungskraft. Industriezentren wie das Ruhrgebiet entstehen. Die Einrichtung einer Arbeiterwohnung beschränkt sich zumeist auf das Nötigste.

 

1876 Die Deutsche Kunst- und Industrieausstellung in München macht die Neo-Renaissance populär, ein massiver Stil, der nun als »altdeutsch« gilt und das Bild vom deutschen Möbel prägt. – Auf der Weltausstellung in Philadelphia glänzt Deutschland mit nationalem Kitsch. Mit »Germanien, Borussen, Kaiser, Kronprinzen und Bismarcken« demonstriert der wirtschaftliche Emporkömmling sein stilistisches Defizit.

 

1883 Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra erscheint. Das Werk des Außenseiters wird zur Bibel der Zivilisationsmüden.

 

1884 König Ludwig II. von Bayern bezieht Neuschwanstein, das letzte der Fantasieschlösser des 19. Jahrhunderts. Die von Germanenmythen bevölkerte Traumwelt, deren baulicher und kunsthandwerklicher Aufwand fast die Staatskasse gesprengt hätte, steigert den Historismus ins Absurde. Dieselben romantisierten Themen kehren in den so beliebten Bildteppichen wieder, die über deutschen Sofas hängen.

 

1887 Gegen deutsche Billigimporte führt England die Bezeichnung »Made in Germany« ein.

 

1888 Wilhelm II., ein Freund von Pomp und Uniformen, ist der neue Kaiser. Sein Zwirbelbart wird zum Schönheitsideal und zum Sinnbild des Unnützen. – Die Ausstellung Arts and Crafts (Kunsthandwerk) in London gibt jener Bewegung den Namen, deren Designreform europaweit große Beachtung findet. – Die ersten Kaufhausketten entstehen. Einer ihrer Vorteile sind die bis dahin nicht üblichen »Festpreise«.

 

1890 Sigmund Freud entwickelt die Psychoanalyse. In Leipzig besteht seit 1879 das erste Institut für experimentelle Psychologie. Das Individuum wird entdeckt.

 

1891 Der Wohlstand produziert Neuheiten. Der aalglatte Cocktailshaker Nr. 1 / 2 von WMF wirkt im Katalog wie ein Fremdkörper.

 

1892 Künstler, die sich vom etablierten Kunstbetrieb abwenden, gründen die Münchner Sezession. Einige Abtrünnige, wie etwa Peter Behrens, wenden sich bald dem Kunsthandwerk zu (weitere Sezessionen 1897 in Wien und 1898 in Berlin).

 

1893 Auf der Weltausstellung in Chicago lassen sich deutsche Künstler vom englischen Kunsthandwerk anregen. – Die Stickerei »Peitschenhieb« von Hermann Obrist gilt als frühe Arbeit des Jugendstils. Die neue sinnliche Kunstrichtung, die Alltagsdinge neu gestalten und Gesamtkunstwerke schaffen will, bringt den Formerfinder hervor.

 

1895 Eine Phase der Hochkonjunktur beginnt, die nahezu bis zum Ersten Weltkrieg anhält. In dieser Zeit vervierfacht sich die Einwohnerzahl der Städte. Gegner der oft rücksichtslosen Urbanisierung sammeln sich in »Heimatschutz«-Bünden. – In der Künstlerkolonie Worpswede gestaltet Heinrich Vogeler den Barkenhof als Gesamtkunstwerk.

 

1896 Der Architekt Hermann Muthesius geht als preußischer Kulturattaché nach London, um sich ein Bild davon zu machen, ob Englands Designreform auf deutsche Verhältnisse übertragbar ist. Später bejaht er dies in mehreren Büchern. – Die neue Zeitschrift Die Jugend gibt der Reformkunst ihren deutschen Namen, der, anfangs abwertend gemeint, auch in anderen Ländern verwendet wird.

 

1897 Die Internationale Kunstausstellung in Dresden bringt dem Belgier Henry van de Velde und dem Jugendstilmöbel den Durchbruch. – Auf der VII. Internationalen Kunstausstellung im Münchner Glaspalast wird »moderne Kleinkunst« zwar nur in zwei Zimmern gezeigt, aber die sind die Sensation. – Zeitschriften wie Deutsche Kunst und Dekoration, InnenDekoration und Dekorative Kunst propagieren die neue Kurvigkeit. – Das Biedermeier wird wiederentdeckt und nun positiv bewertet.