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Joseph Maria Olbrich in der Darmstädter Zeit
Zukunftsweisend: Opel-Haus in der Arbeitersiedlung Mathildenhöhe, Zeichnung 1908
Schlicht: Küche in der Kolonie, Darmstadt Mathildenhöhe 1904
Mächtig: Lichthalle Kaufhaus Tietz, Düsseldorf 1908 (Fotos aus dem Ausstellungskatalog)

Joseph Maria Olbrich 1867-1908, Architekt und Gestalter der frühen Moderne

bis 24. Mai 2010 auf der Mathildenhöhe in Darmstadt

 

Wenn der Mann 20 Jahre länger gelebt hätte, dann wäre er Teil der Geschichte geworden", meint Ralf Beil, Direktor des Museums Mathildenhöhe in Darmstadt. Aber Joseph Maria Olbrich starb eben schon 1908, als die Moderne in Deutschland gerade in Fahrt kam. Bedenkt man, dass er gerade mal ein Jahrzehnt  Zeit hatte, ist das Oevre, das er hinterließ von beeindruckender Vielfalt und wegweisender  Stringenz. Dies nachzuweisen, hat sich eine Ausstellung zum Ziel gesetzt, die den Architekten und Designer Olbrich neu entdecken und als Pionier der Ersten Moderne neu bewerten will.

 

Bislang galt er als Jugendstil-Architekt mit Neigung zu überladener Fassadenornamentik. Die Künstlerkolonie der Darmstädter Mathildenhöhe aus den Jahren 1901 bis 1908, der Olbrich seinen Stempel aufdrückte, bezeugt dagegen, dass er auf dem Weg zu einer reduzierten Formensprache der Moderne befand und damit zur Avantgarde der deutschen Reformzeit gehörte. Das Haus Feinholz auf der Mathildenhöhe ist einer der frühesten europäischen Flachdachbauten, also lange bevor das Neuen Bauen den Kubus zu einer Glaubensfrage machte. Olbrich hatte sich tatsächlich auf einer Stipendienreise nach Tunesien von der dortigen Bauweise inspirieren lassen, die später von Konservativen als "Beduinenstil" verfemt wurde. Die Kuratorin der Ausstellung, die Kunstgeschichtlerin Regina Stephan, hat überall, wo sie Werk und Wirkung von Olbrich für diese Ausstellung recherchiert hat, Neuerungen gefunden, die dann später anderen Namen zugeschrieben wurden. Die Geschichte ist undankbar.

Beispiel: Bislang galt Peter Behrens mit seinem AEG-Projekt in Berlin als Vater des einheitlichen Erscheinungsbildes, neudeutsch Corporate Design. Ein Blick in die Archive mit den Schriftwechseln von Olbrich rückt die Sache in ein anderes Licht. Behrens war kurzzeitig - wie Olbrich - Teil der Darmstädter Künstlerkolonie, zog sich aber von dort zurück, weil er sich gegen Olbrichs Vormachtstellung vermutlich nicht durchsetzen konnte. Die von Olbrich maßgeblich entwickelte Idee eines Gesamtkunstwerks als Zusammenfassung von Architektur, Kunst und Design nahm Behrens jedoch als Anregung mit. Was allerdings niemand ernsthaft bestreiten würde. Das Verdienst der Ausstellung liegt weniger in bahnbrechenden neuen Erkenntnissen, als in der Tatsache, dass diese spannende Phase des Aufbruchs in einem ihrer wichtigen Teilaspekte endlich unter die Lupe genommen wird.

 

So manchem, der bis heute als Begründer der modernen Architektur und des Designs gilt, war Joseph Maria Olbrich demnach um ein paar Längen voraus. Das möchte diese Ausstellung mit geradezu detektivischer Akribie nachweisen. So wird sie mit ihren über vierhundert Exponaten zu einem Spaziergang durch den Kreißsaal der Moderne. Modelle und -zeichnungen, Möbel und Designstudien bilden das breite Spektrum von Olbrichs Werk ab, das ganz am Schluss, in den letzten beiden Jahren zwischen 1906 und 1908, die entscheidende Wende weg vom ornamentellen Stil zur einer immer stärker klaren Formensprache vollzog und damit die entscheidende weitere Entwicklung andeutet.

 

Olbrich stand auf dem Höhepunkt seines Ruhms, war - wir würden sagen - ein Stararchitekt, als er gerade vierzigjährig an Leukämie starb. Ob er wirklich, wie die Ausstellungsmacher behaupten, auch seines Ruhmes beraubt wurde, ist eher fraglich. Denn auch andere ganz große, auf gleicher Augenhöhe anzusiedelnde Persönlichkeiten der Reformzeit, wie etwa Josef Frank und Richard Riemerschmid, die dieselbe Entwicklung machten wie Olbrich, sind aus dem kollektiven deutschen Kulturgedächtnis weitgehend verschwunden. Dies gilt ebenso für Otto Neurath, einem anderen Wiener Universalgenie und Pionier der Moderne, dem gerade eine Ausstellung im Wiener Museum für Angewandte Kunst gewidmet wird.