Erste Ausstellung über Otto Neurath
9. März bis 5. September 2010 im MAK in Wien
Neben der Werkschau über Joseph Maria Olbrich, die gerade auf der Darmstädter Mathildenhöhe zu sehen ist, geht es hier um einen weiteren Wiener, der der Ersten Moderne wesentliche Anstöße gab, einer größeren Öffentlichkeit jedoch weitgehend unbekannt blieb. Das Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) zeigt die erste Ausstellung über den Ökonomen, Universalgelehrten und linken Aktivisten Otto Neurath, der während der Aufbruchszeit der Zwanzigerjahre die Wiener Siederbewegung theoretisch begleitete und in organisatorische Bahnen lenkte, ein weitgehend verdrängtes Kapitel der Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts. Neurath, ein Verfechter basisdemokratischer Prinzipien und Teil der damaligen Avantgarde, arbeitete eng mit fortschrittlichen Künstlern und Architekten zusammen, darunter Margarete Schütte-Lihotzky, die später für die Entwicklung der modernen Funktionsküche bekannt wurde, und Josef Frank, ein Modernist der jedem Dogma kritisch gegenüberstand.
Die Ausstellung, die aus einer amerikanischen Dissertation hervorging, hat deren englischen Titel übernommen: Gypsy Urbanism. Otto Neurath hätte sich gewundert, das heutige Publikum auch. Es handelt sich hierbei um die Anlehnung an den volkstümlichen und natürlich abschätzig gemeinten Ausdruck "Zigeunersiedler". Der war auf die wilden Landnehmer und Hüttenbauer der frühen Zwanzigerjahre gemünzt, die, wie in den heutigen Slums der Dritten Welt, aus purer Not am Stadtrand Grundstücke besetzten und ihre provisorischen Behausungen darauf errichteten. Das waren die sogenannten "Brettldörfer". Der Intellektuelle Neurath, ein Mitglied des "Wiener Kreises", der dem Elend abhelfen und die Bewegung ordnen wollte, gründete den Österreichischen Verband für Siedlungs- und Kleingartenwesen (ÖVSK) und die Gemeinwirtschaftliche Siedlungs- und Baustoffanstalt (GESIBA). "Soeben ist eine Organisation ins Leben gerufen worden, die für die Zukunft des Sozialismus bedeutsam werden kann", frohlockte die Arbeiterzeitung im Dezember 1921 (nach: Helmut Weihsmann: Das Rote Wien, Wien 1985, S.117). Neurath enwickelte derweil mit Schütte-Lihotzky hochmoderne, erweiterbare "Kernhäuser" auf moduler Basis und organisierte eine Aufklärungskampagne. Mit einer Serie von Wanderausstellungen - allein zur ersten kamen über 200.000 Besucher - sorgte er für populäre Volksbildung - auch dies hochaktuell.
Aus den Ausstellungen ging nicht nur das bis heute existierende Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum hervor, sondern auch bahnbrechende Darstellungsformen. Neben der originellen Ausstellungsarchitektur des Architekten Frank, der erstmals systematisch elektrisches Licht einsetzte, war es Neuraths abstrakte Bildsprache, die er "Isotypen" nannte und mit der er - gemeinsam mit dem Grafiker Gerd Arntz - komplexe Zusammenhänge verständlich darstellte. Diese von ihm erfundenen Visualisierungen waren die ersten Piktogramme, eine auch international kompatible Symbolsprache, also eine Art "Bild-Esperanto", wie die New York Times es damals nannte.
Die Ausstellung, in der viele Originalwerke, Filmdokumente und ein komplettes Siedlerhaus zu sehen sind, dokumentiert erstmals einen Aspekt der Ersten Moderne des frühen 20. Jahrhunderts, der für die damalige, auch international vernetzte Bewegung zentral war. Dass Neurath schließlich 1934 von der östereichischen Variante des Faschismus vertrieben wurde und, zuerst in die Niederlande, dann nach England, floh, verwundert kaum. Allein schon dass sie das facettenreiche Leben dieses Multitalents aus der Versenkung holt und zeigt, was die Erste Moderne, die so viele renaissancehafte Persönlichkeiten hervorbrachte, auch abseits von großen Künstlernamen im Kern ausmachte, ist ein Verdienst der Ausstellung.
Siehe auch: The Art of Titleling ..






