Sessel Papp-Otto

Peter Raacke

Produkt- und Möbeldesigner, Berlin

 

Obwohl seine Arbeitsbiografie direkt mit der Hochschule für Gestaltung verbunden ist, an der er Anfang der 60er Jahre als Gastprofessor lehrte, entzieht er sich den damit einhergehenden Stereotypen. Sein Vorgehen war stets pragmatisch und oft unorthodox, wobei er größten Wert auf einen erweiterten Begriff der Funktionalität legte, der den kulturellen und humanen Kontext mit einbezieht. Der gelernte Kunstschmied und Emailleur, der – künstlerisch hoch begabt – eigentlich Maler werden wollte, studierte in den 50er Jahren in Paris und bereiste die USA, wo er in Kontakt mit emigrierten Vertretern des Bauhaus trat. 1958, mittlerweile Dozent, war er Mitbegründer des Verbandes Deutscher Industriedesigner. Seine ersten Serienprodukte waren Mitte der 50er Jahre Kombinationsherde (für Haas & Sohn), Vorläufer der später üblichen genormten weißen Einbaugeräte, die dem Gesicht der modernen Küche über ein halbes Jahrhundert den technischen Stempel aufdrückten. Raacke ging es nun um das Experiment mit der „reinen“ Form. Das Besteck Mono, das er Ende der 50er Jahre für die gleichnamige Firma schuf, ist einer der ganz wenigen Entwürfe, den man tatsächlich „zeitlos“ nennen darf. Obwohl dies für die Folgebestecke Oval und Clip (1973 und 1982 für Mono) in diesem Maße sicher nicht zutrifft, sind auch sie ungewöhnlich prägnant. Einen radikalen Weg verfolgte er auch in der Zusammenarbeit mit Voko, dem damals wohl innovationsfreudigsten Büromöbelhersteller, für den Raacke die ersten Organisationsmöbel entwickelte. Das Zeitgewinn-System (1957), ein Baukasten kubischer Einrichtungselemente mit charakteristischen und stilbildenden Fußgestellen aus Vierkantstahlrohr, war die Blaupause für die Bürowelt der folgenden Dekaden. Etwa ein Jahrzehnt arbeitete Raacke für Voko (sein Nachfolger wurde dort Karl Dittert), bis er sich vom strengen Funktionalismus entfernte und der Pop- und Protestkultur zuwandte. Eine gewisse Berühmtheit erreichte der Querdenker Ende der 60er Jahre, als er das erste Möbelprogramm aus Wellpappe entwickelte, den sogenannten Papp-Otto. Raacke, der so vieles anstieß und doch nur innerhalb der Branche Berühmtheit erlangte, gilt ebenfalls als Pionier umweltbewusster Gestaltung, wobei es ihm unter anderem darum ging, so genannte „Designketten“ zu bilden, ein Merkbegriff für den Anspruch, Produkte und Materialien mehrfach wiederzuverwenden.