Aufklärerische Grafik: Stadtplanschema, entwickelt für eine Ausstellung von Otto Neurath und später für ein Tablett verwendet
Erfinder der Tütenlampe und der organischen Formen: Stehlampe 1939

Josef Frank

Architekt und Designer, geb. 1885 in Baden bei Wien, gest. 1967 in Stockholm


Der Gentleman Frank, der zur Generation von Walter Gropius gehörte, war Gründungsmitglied des Wiener Werkbundes und begründete selbst eine "Wiener Schule der Architektur". Zu seinen Mitstreitern gehörte dabei der etwas ältere Oskar Strnad, ein Architekt, Bühnenbildner und - wie Frank - Lehrer an der Wiener Kunstgewerbeschule, wo Margarethe Schütte-Lihotzky zu seinen Schülerinnen gehörte. Frank, einer der bedeutendsten Architekten der jungen österreichischen Republik, zählte zum inneren Zirkel der europäischen Moderne. So war er auch beteiligt am Congrès Internationaux d'Architecture Moderne (CIAM), ebenso wie der Wiener Ökonom und Volksaufklärer Otto Neurath, für den er - im Rahmen der Siedlungsbewegung - mehrere Ausstellungen entwarf, unter anderem die erste mit systemmatisch eingesetztem elektrischen Licht.


Entgegen der vorherrschenden Meinung im damaligen Wien vertrat er das Siedlungskonzept und nicht die Schaffung von sogenannten "Superblocks" oder " Gemeindehöfen". Was ihn nicht hinderte, die 1926 fertiggestellte Wohnhausanlage Winarskyhof zu entwerfen, gemeinsam mit Peter Behrens, Margarete Schütte-Lihotzky und Adolf Loos. Für das Doppelhaus, das Frank 1927 zur berühmten Stuttgarter Weißenhofsiedlung beisteuerte, musste Frank herbe Kritik einstecken. Im Gegensatz zum eckig-gradlinigen Architektur seines Doppelhauses waren die Wohnräume auch mit weichen Polstermöbeln ausgestattet, gar mit Kissen übersät. Es kam zum Skandal. Einen Journalisten erinnerte es an ein Bordell. Im Gegensatz zu puristischen Kollegen wie Marcel Breuer und Le Corbusier hielt der Schöngeist Frank die Wohnung nicht für eine Maschine. Wofür man ihn zum Renegaten abstempelte. Dass er die Grundsätze seines Designs nie in imperativer Form zusammenfasste, war sein Programm.


1932 war Frank Initiator und Leiter des Projekts Werkbundsiedlung in Wien. Ein Jahr später - auch in Österreich erstarkte der Faschismus - emigrierte Frank, ein Jude, dessen Eltern aus Ungarn stammten, nach Schweden. Als kultivierter Humanist und Kenner historischer Möbelstile hielt Frank den persönlichen Geschmack und das Bedürfnis nach Komfort für die Grundlagen des Wohnens. Er berief sich dabei unter anderem auf die Quantenphysik, insbesondere Heisenbergs Unschärferelation und ihr Prinzip der Unvorhersehbarkeit. Also arrangierte er Räume, als habe "der Zufall dabei die größte Rolle gespielt". Ein reiner Stil erschien ihm dagegen "blutleer", ein Grund, weshalb er sich der Emigrant auch mit Schwedens progressiven, bauhausorientierten Designern anlegte. Dabei behauptete Frank später nicht weniger, als dass er es gewesen sei, der "den skandinavischen Stil erfunden" habe. Womit er höchstwahrscheinlich Recht hatte. Denn der von ihm eingerichtete schwedische Pavilion auf der New Yorker Weltausstellung von 1939 war die die Geburtsstunde des "Swedish Modern", ein Stil, der die organischen Formen der Fünfzigerjahre vorwegnahm und letztlich die Initialzündung für die Liebe der Amerikaner zum skandinavischen Design war.


Sein Wirkungsfeld im Exil verdankte er seiner Gönnerin und Mitstreiterin, der Unternehmerin Estrid Ericson. Sie machte den passionierten Außenseiter zum Chefgestalter ihres feinen Stockholmer Einrichtungshauses Svenskt Tenn (schwedischer Zinn), das damals eigentlich für seine schlichten Produkte bekannt war. Ganz anders ging der Eklektiker Frank an seine Aufgabe. Sein Designvokabular war farbenfroh, geistreich und überraschend. Statt Birken- und Ulmenholz nahm er Walnuß und Mahagony. Das weiche, überdimensionale Sofa, das er 1934 vorstellte und das in scharfem Kontrast zu seinen leichten wienerischen Wohnzimmerstühlen stand, war ein offener Affront gegen die Formasketen, die nun in Europa den Ton angaben.


Frank bevorzugte leichte, natürliche Materialien wie Peddigrohr und Rattan. Ihre Auswahl beruhte häufig auf ostasiatischen Vorbildern. Eines seiner bevorzugten Modelle war der englische Windsor-Stuhl. Die möglichst luftige Konstruktion der Möbel sollte auch dazu dienen, den Raum offen und durchlässig zu gestalten. Während seiner Karriere produzierte der Arbeitsmensch die erstaunliche Zahl von rund 2000 Möbelstücken. Das ist im Durchschnitt eines pro Woche, seine zahllosen Textilentwürfe nicht mitgezählt. Unter seiner Leitung entwickelte Svenskt Tenn eine nie dagewesene Vielfalt an Möbelformen und -materialien, getreu seiner Devise: "Welchen Stil wir auch verwenden, Barock oder Stahlrohrmöbel, ist unwichtig. Was die Moderne uns gegeben hat, ist die Freiheit."

 

Quelle: Bernd Polster und Volker Fischer, Bauhaus Design. Die Produkte der neuen Sachlichkeit, Köln 2009