Hannes Meyer
Architekt, geb. 1889, gest. 1954
Geboren in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts gehört er zur Generation der Bauhaus-Direktoren, von denen er der umstrittenste ist. Als engagierter Kommunist und Funktionalist stellt er die Verbesserung der ebensverhältnisseder Arbeiterklasse und ihre wissenschaftlich begründete Umsetzung in den Mittelpunkt. Kunst, Ästhetik und das schöpferische Individuum werden zweitrangig. Darin ist er der Antipode zu den Konzepten eines Johannes Itten. Auch die Gestaltung von Gebrauchsgegenständen wird den sozialpolitischen Zielen untergeordnet. Nachdem er sein Architekturstudium 1909 in Basel abgeschlossen hat, geht er, wie um diese Zeit auch Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und etliche andere, nach Berlin. Dort arbeitet er in Baubüros und besucht nebenbei die Kunstgewerbeschule sowie die Landwirtschaftliche Hochschule Berlin. Er schließt sich der Freilandbewegung an, die eine sozialere Verteilung von Grundbesitz zum Ziel hat. 1912 unternimmt er eine Studienreise nach England,wo ersich mit den englischen Gartenstädten beschäftigt. Danach arbeitet er als Bürochef eines Münchner Architekten und schließlich 1916 als Ressortchef für „Wohnungsfürsorge“ bei der Bauverwaltung der Firma Krupp in Essen (bis 1918). Seit 1919 hat er ein Architekturbüro in Basel. Er unternimmt zahlreiche Studienreisen u.a. nach Frankreich, Belgien und Skandinavien. In dieser Zeit entsteht in Basel unter seiner Leitung die genossenschaftliche ustersiedlung Freidorf, die als der bedeutendste Schweizer Siedlungsbau der Zwischenkriegszeit angesehen wird.Mitte der zwanziger Jahre wird er, beeinflusst durch die holländische De-Stijl-Gruppe, zu einem Verfechter des Neuen Bauens. Er vertritt nun den Gedanken der konstruktiven Form, die sich aus dem technischen Prozess ergibt, eine funktionalistische Grundidee, die er auch auf die Gestaltung von Gebrauchsgegenständen überträgt. Ende 1926 erhält er von Gropius das Angebot, die neue Architekturabteilung in Dessau zu leiten, das er nach längerer Überlegung im Jahr darauf annimmt. Als Gropius 1928 von seinem Posten als Direktor zurücktritt, bestimmt er seinen Architektenkollegen zum Nachfolger. Der rationalisiert die Lehre und verstärkt noch einmal die Zusammenarbeitmit der Industrie. Seine marxistisch begründeten Zielsetzungen fasst er in der Losung „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ zusammen,was zu einer Welle von teilweise unberechtigter interner Kritik und Selbstkritik führt, u.a. an Gunta Stölzl. Das wichtigste Projekt unter seiner Leitung ist die 1928 begonnene Bundesgewerkschaftsschule bei Berlin (bis 1930). Die in seiner Zeit entstandenen Möbel und Gebrauchsdinge haben gemäß den Vorgaben einen pragmatischen bis spröden Charakter. Es sind „Typenmöbel“, so der alte Werkbundbegriff, die kombinierbar sein sollen und denen durch Klapp-, Dreh- und Steckmechanismen neue Funktionen hinzugefügt werden. Die künstlerische Komponente wird als bürgerlich geltend so weit zurückgedrängt, dass Josef Albers von der „Abschaffung der Maler“ spricht. Der Künstler Oskar Schlemmer verlässt das Bauhaus, nachdem Georg Muche bereits 1927 gegangen war. Auch der Stellenwert der handwerklichen Ausbildung sinkt.Wegen seiner radikalen Ansichten heftig angefeindet,wird er 1930 unter dem Vorwurf, er habe die Hochschule politisiert, vom Oberbürgermeister der Stadt Dessau fristlos entlassen. Danach geht er konsequenterweise in die Sowjetunion und wird Hochschullehrer in Moskau, fällt aber bei den stalinistischen Behörden zunehmend in Ungnade und kehrt 1936 in die Schweiz zurück. Seine Lebensgefährtin erhält kein Schweizer Visum, muss in Moskau bleiben und wird im Rahmen einer sogenannten „Säuberungsaktion“ ermordet. 1939 wird er Direktor am neu gegründeten Institut für Städtebau in Mexiko-Stadt. Zehn Jahre später kehrt er nach Zerwürfnissen mit der mexikanischen Regierung in die Schweiz zurück,wo er Literatur über Architektur herausgibt.
Quelle: Bernd Polster und Volker Fischer, Bauhaus Design. Die Produkte der neuen Sachlichkeit, Köln 2009

