Gunta Stölzl
Weberin, geb. 1897, gest. 1983
Sie stammt,wie auch Anni Albers oder Marcel Breuer, aus der Generation der um 1900 Geborenen, die, oft kunst- und jugendbewegt von der Reformzeit geprägt sind, und die das Trauma des Ersten Weltkriegs in ihrer späten Jugend erlebt. Sie ist, ähnlich wie Josef Albers und Joost Schmidt, nahezu während der gesamten Zeit als Studentin und Lehrerin am Bauhaus tätig, davon einige Jahre als einzige Frau im Männerkollegium. Obwohl sie erheblich daran beteiligt ist, die Weberei zu einer der produktivsten und kreativsten Werkstätten zu machen, taucht ihr Name in der deutschen Designgeschichte kaum auf. Adelgunde „Gunta“ Stölzl ist in ihrer Freizeit Pfadfinderin, legt 1913 ihre Reifeprüfung an einer zentral gelegenen Münchener „Höheren Töchterschule“ ab und belegt im selben Jahr an der Kunstgewerbeschule u.a. die Fächer Glasmalerei, Kunstgeschichte und Stillehre. Nach acht Semestern unterbricht sie 1917 das Studium, um als freiwillige Krankenschwester im Kriegslazarett zu arbeiten. Dieses Erlebnis ist ein tiefer Schock, der sie den Glauben an die Macht der Kunst verlieren lässt. 1919 setzt sie ihr Studium fort, auf das die Räterevolution nicht ohne Einfluss bleibt. Das Bauhaus-Manifest wird zum Muster einer geplanten Studienreform, an deren Ausarbeitung sie sich beteiligt. Noch im Sommer, die Münchener Räterepublik ist wieder abgeschafft, stellt sie sich bei Walter Gropiusmit einer Mappe vor und ist tief beeindruckt vom Weimarer Aufbruchsgeist. Sie geht Ende 1919 ans Bauhaus und besucht im folgenden Frühjahr den Vorkurs bei Johannes Itten, der zum prägenden Erlebnis wird, und geht schließlich in die Weberei unter Georg Muche. 1921 erhält sie ihr erstes Stipendium, besucht die Kurse des ebenfalls neuen Paul Klee, der den Stil der Webearbeiten stark prägt. Sie entwirft den Bezug für den zusammen mit Breuer entworfenen Afrikanischen Stuhl und unternimmt eine Italienreise im Stil der Wandervögel. 1922 wird sie Gesellin in der Weberei. Aus Zürich,wohin sie Itten im Frühjahr 1924 einlädt, um seine Werkstätten einzurichten, kehrt sie Ende des Jahres wieder zurück und besucht einen „Fabrikantenkursus“ an der Seidenwebschule in Krefeld.Als ihre Freundin Benita Otte an die Gewerbeschule Burg Giebichenstein geht, besuchen sie sich jeden Sonntag. Nachdem ihre Vorgängerin Helene Börner den Umzug nach Dessau nicht mitgemacht hat,wird sie 1926 Werkmeisterin. Ab Juni ist sie Leiterin der Weberei (ab 1927 übernimmt sie die Gesamtleitung), die in das neue Gebäude zieht, viele gute Aufträge hat, über die ein Sonderheft der Zeitschrift bauhaus erscheint und die so innovativ ist wie nie zuvor. Es wird mit neuen Materialien wie Kunstseide und Cellophan experimentiert. 1928 reist sie mit zwei Bauhäuslern, darunter ihr späterer jüdischer Mann Ariel Sharon, zum zur VChUTEMAS nach Moskau. Der neue Direktor HannesMeyer sieht in der Textilkunst „die Seelenprobleme junger Mädchen“ und übt Formalismus-Kritik. Nach Anfeindungen auch privater Natur wird ihr vom Direktor Ludwig Mies van der Rohe 1931 die Kündigung nahegelegt. In Zürichgründet sie im selben Jahr mit den ehemaligen Bauhäuslern Gertrud Preiswerk und Otto Hürlimann die Handweberei S-P-H Stoffe, bekommt wegen ihres „palästinensischen“ Passes aber Probleme. Nach der Scheidung 1936 von AriehSharon heiratet sie 1942 den Schweizer Schriftsteller Willy Stadler und wird dadurch schweizerische Staatsbürgerin. Bis 1967 führt sie ihre Werkstatt und widmet sich danach bis zu ihrem Tod der Herstellung von Bildteppichen.
Quelle: Bernd Polster und Volker Fischer, Bauhaus Design. Die Produkte der neuen Sachlichkeit, Köln 2009

