Grete Reichardt

Weberin, geb. 1907, gest. 1984

 

Ende des Ersten Weltkriegs, gerade elf Jahre alt, gehört Grete Reichardt,wie Kitty Fischer, Otto Rittweger und Franz-Rudolf Wildenhain, zur jüngsten Studentengeneration am Bauhaus, für die Kunstavantgarde und Neue Sachlichkeitbereits nahezu selbstverständlich sind.Mit einer Ausbildung auf breitester Basis entwickelt sie ein hohes künstlerisch-gestalterisches Niveau, das sie, vergleichbar mit Hedwig Bollhagen, auch in der DDR zu einer gewissen Prominenz kommen lässt. Die gebürtige Thüringerin, die aus gutem Hause stammt, absolviert 1921 eine vierjährige Ausbildung an der Staatlich-Städtischen Kunstgewerbeschule in Erfurt. Im April 1926 kommt die 19-jährige an das etwa 200 Kilometer entfernte Bauhaus in Dessau, ein Zweitstudium, das fünfeinhalb Jahre dauert. Nach dem Vorkurs bei Josef Albers und László Moholy-Nagy kommt sie, wie nahezu alle Frauen, in die Weberei unter Georg Muche, später Gunta Stölzl. Sie schaut sich allerdings auch anderweitig um, belegt Kurse in Form- und Farbenlehre bei Wassily Kandinsky und geht in die freie Malklasse bei Paul Klee. Schließlich hospitiert die universal Interessierte in der Bühnenwerkstatt von Oskar Schlemmer sowie in dessen Abteilung Tanz, damals ein hoch aktuelles Zeitphänomen. Zeitweilig arbeitet sie mit Marcel Breuer zusammen, der strapazierfähiges Eisengarn für seine Stahlrohrsessel benötigt, zu dessen Entwicklung sie maßgeblich beiträgt. Darüber hinaus ist sie an verschiedenen Bauhaus-Projekten wie der Bundesschule in Bernau von Hannes Meyer beteiligt. 1930 legt sie ihre Gesellenprüfung ab und arbeitet danach als freie Mitarbeiterin in der Weberei, bis sie 1931 ihr Bauhaus-Diplom macht. Im selben Jahr, es herrscht die Wirtschaftskrise, reist sie nach Holland,wo sie wiederum studiert und in Den Haag eine Handweberei aufbaut. Im Schicksalsjahr 1933 kehrt sie nach Erfurt zurück, gründet 1934 dort abermals eine Handweberei, wo sie 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, ihre Meisterprüfung ablegt. Sie erhält Preise für ihre Arbeiten, u.a. auf der Mailänder Triennale, und wird in den siebziger Jahren in der DDR mit Ehrungen bedacht.

 

Quelle: Bernd Polster und Volker Fischer, Bauhaus Design. Die Produkte der neuen Sachlichkeit, Köln 2009