Nymphenburg

Porzellanmanufraktur, München / Bayern

 

Schale mit Hase - diese Arbeit von Hella Jongerius hat in den Medien viel Beachtung gefunden. Die Holländerin, bekannt für ihre Originalität und Chuzpe, hat die berühmten Tierfiguren leicht verfremdet und so ein feinsinniges Zitat einer über zweihundertjährigen Vergangenheit geschaffen. Als Mitte des 18. Jahrhunderts in München die erste Porzellanfabrikation begann, unterstützte Bayerns Kurfürst Max III. Joseph das junge Unternehmen. Doch erst nach Umzug und Ausbau stellte sich der erhoffte Erfolg ein. Bald lieferte der geniale Bildhauer Franz Anton Bustelli seine berühmten Figuren, die, zumeist als Tischdekoration verwendet, bis heute zum Weltruf des Unternehmens beitragen. Unter der Leitung von Albert Bäuml erreichte das Unternehmen um 1900 eine neue künstlerische Blüte. Das Strohfeuer des Jugendstils markiert – wie bei anderen Manufakturen und Porzellanfabriken – auch Nymphenburgs Eintritt in die Moderne, die aber immer wieder durch rückwärtsgewandte Strömungen, wie etwa eine Neobarock-Welle, unterbrochen wurde. In dieser Zeit des Umbruchs kamen junge Künstler ins Haus. Dazu gehörte etwa der Landschaftsmaler Hermann Gradl, der, gerade 18 Jahre alt, 1900 auf der Pariser Weltausstellung einen Grand Prix gewann. Nicht zuletzt durch die Nähe der Münchner Werkstätten war jedoch der Einfluss der Reformbewegung unvermeidlich, personifiziert in Gestaltern wie Adalbert Niemeyer, der 1906 – ein Jahr bevor er zum Mitbegründer des Werkbunds wurde – das schlichte Geschirr Nr. 820 entwarf. Dessen auffälliges und handwerklich schwieriges Merkmal ist eine Würfelkante. Die klassische Moderne nach dem Ersten Weltkrieg wurde stark geprägt durch Wolfgang von Wersin, dessen Formen sehr zurückhaltend, immer nobel, aber niemals trivial waren. Mit der Form Lotos manifestierte von Wersin sein raumgestalterisches Können und sein Engagement für zeitlose Modernität auf hohem Niveau. Die hauchdünnen, sanft geschwungenen Formen sind die Quintessenz der Perfektion. Die Bemalung unterstreicht die Linienführung und verleiht dem Service so seine klare und vornehme Ausstrahlung. Ebenbürtig einer Trude Petri oder einem Hermann Gretsch bestimmte der Neusachliche die Nymphenburger Linie bis in die 60er Jahre hinein. Danach beendete ein Rokoko-Revival vorerst die kreative Ära. In jüngster Zeit loten namhafte Künstler und Gestalter wie Jongerius, der Amerikaner Ted Mühling und der Münchner Konstantin Grcic jenes künstlerische Potenzial aus, das noch unentdeckt im weißen Gold steckt.