1980-1989 wohnsinn
Meilensteine
1980 Bürostuhl FS-Line
1981 Teekanne Mono Classic, Wanduhr ABW 41
1982 Teekessel "9091"
1983 Armatur Allegroh
1994 Sessel Zyklus, Verspanntes Regal, Deckenfluter YaYaHo,
Sessel T-Line, Küchenbaum
1985 Liege Tattomi, Fernseher Art 1
1986 Stuhl Solid, Sessel Flying Carpet
1987 Garderobe Trio, Ausmöbel Tabula Rasa
1988 Textilprogram Lia
1989 Sessel WK 698 Spot, Regal FNP, Termroskanne Achat
chronologie
1980 From Bauhaus to our House (dt. Mit dem Bauhaus leben, 1982) ist eine Abrechnung des amerikanischen Schriftstellers Tom Wolfe mit dem Geschmacksdiktat der Wohnasketen. – Der Drehstuhl FS-Linie animiert zu aktivem Sitzen.
1981 Die Welt neudeutscher Sachlichkeit scheint noch in Ordnung. Die Wanduhr ABW 41 von Dietrich Lubs und die Teekanne Mono Classic von Tassilo von Grolmann verbinden formale Raffinesse mit technischer Eleganz. – Otl Aichers Plädoyer für eine am Profistandard orientierte Kommunikationsküche wird im folgenden Jahr mit dem System b von Bulthaup umgesetzt. – Als die Gruppe Memphis in Mailand schrille Möbel, kunsthandwerkliche Objekte und Leuchten in einer Ausstellung zeigt, beginnt die postmoderne Gegenreformation. Ähnlich wie beim Jugendstil ein Jahrhundert zuvor reagierte eine nur kurz verdutzte Öffentlichkeit so, als hätte sie schon lange auf diese Frechheiten gewartet. – Marcel Breuer stirbt in New York.
1982 Die Ausstellung Möbel Perdu – Schöneres Wohnen in Hamburg bietet unter ihrem beziehungsreichen Titel ein Panorama jener Experimentierlust, die aus dem Untergrund hochkocht und sich zur Bewegung des »Neuen Deutschen Designs« mausert. – Richard Sappers Modell 9091 ist der erste »Autoren-Wasserkessel«. – Endzeit-Punk oder Disco. Alles geht. In den 80er Jahren herrscht ein hedonistisches Klima. Als dessen adäquater Ausdruck gilt nun Design, das oft nur ein anderes Wort für Luxus ist. Der Chic wird, insbesondere wenn es um Möbel geht, jetzt weitgehend in Italien definiert. Koexistierende Lebensstile differenzieren sich aus: Der Aufstieg von Marken wie Bree, Brühl oder Rolf Benz gehört ebenso in diesen Kontext wie die Neuentdeckung der Küche und des Badezimmers. – Frog ist Deutschlands erste international agierende Designagentur. Ihre Apple-Tischcomputer läuten das PC-Zeitalter ein und werden zu Requisiten unseres Alltags wie vormals Radio und Fernseher. – Hunderttausende demonstrieren erfolglos gegen Atomraketen.
1983 Die Galerie Möbel Perdu in Hamburg wird zu einer Heimstatt der Wohnrevoluzzer. In Deutschland hat das Unbehagen an der scheinbar naturgegebenen Vorherrschaft der Bauhaus-Epigonen kein Ventil gefunden. Als Punk und Memphis die Schleusen öffnen, ist den jungen Wilden nichts mehr heilig. Sie bauen Kitsch und Camp, Sperrmüll und Pop, Bauhaus und 50er Jahre und nicht zuletzt ihr tiefsitzendes Unbehagen an der urdeutschen Wohnkultur in ihre Möbelparodien ein. Im Gegensatz zum italienischen Original zeigen die hiesigen Stilbrecher deshalb eine deutliche Vorliebe für rohe Materialien wie Stein, Stahl oder unbehandeltes Holz, verwenden aber auch Halbzeuge wie Wellpappe oder Zellophan sowie dem Alltag entnommene Readymades. Der umfunktionierte Einkaufwagen Consumer's Rest von Stiletto wird zum Wahrzeichen der Revolte. In den nächsten Jahren folgen nicht minder hintersinnige Pamphlete wie das Verspannte Regal von Wolfgang Laubersheimer, der Beton-Freischwinger Solid von Heinz Landes und die Tischbank Tabula Rasa von Ginbande. – Marianne Brandt stirbt in Kirchberg bei Chemnitz.
1984 Der Sessel Zyklus von Peter Maly und das Leuchtensystem YaYaHo von Ingo Maurer sind geniale Synthesen zwischen postmoderner Verspieltheit und teutonischem Zweckdenken. – Die Sitzmöbel T-Line von Burkhard Vogtherr und Tattomi (1985) von Jan Armgardt haben einen hohen Innovationswert und eine niedrige visuelle Abnutzung. – Eine ganze Reihe ziemlich unterschiedlicher Firmen, darunter Thonet, Tecta, Tecnolumen und Vitra sowie später auch ClassiCon, Richard Lampert und sdr+, entwickeln ein historisch reflexives Verhältnis zu ihrem Produkt. Wichtige Entwürfe des deutschen Wohndesigns finden zurück in die Kataloge. Eine Ausnahmeerscheinung ist das Unternehmen Anthologie Quartett, das sich bis heute dem kühnen Geist der 80er Jahre verpflichtet fühlt. – Wer will, kann seine Wohnung mit Stardesignern schmücken. Marken wie Alfi, FSB und WMF entdecken das einst von Rosenthal eingeführte Autorendesign, also die häufig punktuelle, manchmal auch kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Großen der Branche, deren Namen Gestaltungsqualität, Image und Umsatz versprechen. – Es werde Licht: Nach Erco, Ingo Maurer, Anta, Mawa und Serien, gründet Tobias Grau eine weitere anspruchsvolle Marke für deutsches Leuchtendesign.
1985 Die Galerie Weinand in Westberlin wird mit Ausstellungen wie Betonmöbel oder Griff in den Staub zum Schaukasten des »NDD«. Die spannenden Wohnideen finden zwar nicht den Weg in die Kaufhäuser, verändern aber über ihre Medienpräsenz die Geschmacksstandards. – Für die erste Schnellzuggeneration ICE entwirft Alexander Neumeister nicht nur die glatte Außenhaut, sondern auch die gewagten Interieurs. – Herbert H. Schultes wird Chefdesigner bei Siemens, einem Großkonzern, dessen Produkte in deutschen Haushalten präsent sind. – Ferdinand Kramer stirbt in Frankfurt.
1986 Die Düsseldorfer Ausstellung Gefühlscollagen – Möbel von Sinnen zeigt Objekte zwischen Kunstsinn und Schrottverwertung.
1987 Ironischerweise ist der Stilaufstand der 80er Jahre ein Werk der ersten Designergeneration, die dieses Fach auch studiert hat. Die von ihnen initiierte Dekonstruktion der Gemütlichkeit bleibt allerdings eine weitgehend subkulturelle Veranstaltung. Sie findet zwar ein erhebliches Echo in den Medien, aber kein einziger Entwurf des so genannten »Neuen Deutschen Designs« geht in Serie. Nicht wenige seiner studierten Protagonisten wechseln schließlich wieder zurück an die Universität, wie etwa Andreas Brandolini und Uwe Fischer, und bilden eine Gilde der Meinungsmacher. Die deutsche Möbelindustrie ignoriert dagegen weitgehend den hausgemachten Designfrühling. – Auf der documenta 8 erholt man sich von der erstmals gezeigten Designschau im schräg gestylten Café Casino der Gruppe Pentagon. Das ist zugleich auch ein Ort für das Internet, das allerdings noch erhebliche Empfangsstörungen hat. – Performa wird zum Vorläufer jener jungen deutschen Firmen, die sich Gedankentiefe und uneitle Zurückhaltung auf ihre Fahnen schreiben. – Auch die EU vergibt jetzt einen Europäischen Designpreis. – Wer Design sagt, meint jetzt Mailand.
1988 Dieter Sieger zieht auf Schloss Harkotten und nutzt dessen strategische Lage mindestens so geschickt wie zuvor Luigi Colani.
1989 Der Sessel Spot von Stefan Heiliger und das Sofa 322 von Anita Schmidt werden zu den »Designmöbeln« schlechthin. – FNP von Axel Kufus steht am Anfang einer langen Reihe ausgetüftelter Regalsysteme, die deutschen Gehirnwindungen entstammen. – Authentics führt den semitransparenten Kunststoff ein, eine kleine ästhetische Finesse, die die Wohnwelt verändert. – Vitra gründet ein Designmuseum. – Mit dem Zerbröseln der Berliner Mauer hat niemand gerechnet.









