Mart Stam
Architekt und Möbeldesigner, geb. 1899, gest. 1986
Ursprünglich Tischler wie sein Landsmann Gerrit Rietveld, hat er die Welt wie dieser um eine Sitzinnovation bereichert, in diesem Fall den hinterbeinlosen Freischwinger. Der Architekt ist eine zentrale und produktive Figur in der modernen Bewegung der zwanziger Jahre: ein Pragmatiker wie Walter Gropius, aber auch ein Utopist und Sozialist, der lange an die Verbesserung der Welt glaubte, welcher auch das Design dienen sollte. Sein späteres Sendungsbewusstsein geht wohl auch auf seine puritanische Sozialisation und das soziale Engagement seiner emanzipierten Mutter zurück. Mit abgeschlossener Tischlerlehre und einem Zeichenlehrer-Diplom arbeitet er ab 1919 in im Architektenbüro Marinus Jan Grandpré Molière in Rotterdam, in dem große moderne Siedlungsprojekte geplant werden. Als er 1920 den Kriegsdienst verweigert, muss er ein halbes Jahr ins Gefängnis. 1923 hospitiert er im Büro der Berliner Architekten Max Taut und Hans Poelzig und ist im selben Jahr im Bereich Architektur auf der Bauhaus-Ausstellung vertreten. 1924 ruft er mit den Architekten Hans Schmidt, El Lissitzky und dem späteren Bauhaus-Direktor Hannes Meyer die erste Schweizer Avantgardezeitschrift ABC Beiträge zum Bauen ins Leben. 1927 ist er einer der Architekten der Weißenhofsiedlung in Stuttgart, wobei er seinen hinterbeinlosen Stuhl vorstellt, der einen Disput um die Urheberschaft nach sich zieht. Am Bauhaus ist Stam 1928 ein Semester als Gastdozent tätig und unterrichtet im Wintersemester Städtebau. Gleichzeitig realisiert er im Neuen Frankfurt eine Wohnsiedlung und geht von dort 1930 mit der Architektengruppe um Ernst May („Brigade May“) in die Sowjetunion. Hier wirkt er an den Städteplanungen mit, u.a. für Magnitogorsk, kehrt, enttäuscht vom Stalinismus, jedoch 1934 nach Holland zurück. In den dreißiger Jahren ist er dort als Architekt und Ausstellungsmacher erfolgreich und wird 1939 Direktor der Amsterdamer Kunstgewerbeschule. 1948 geht er nach Ostdeutschland und wird 1950 Direktor des von ihm gegründeten Instituts für industrielle Gestaltung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (bis 1953), an das er Marianne Brandt beruft. Abermals vom stalinistischen Apparat ausgebremst, kehrt er wieder nach Holland zurück, wo er bis in die Mitte der sechziger Jahre zahlreiche Gebäude realisiert. Schließlich zieht er sich 1966 demoralisiert in ein anonymes Leben in der Schweiz zurück.
Quelle: Bernd Polster und Volker Fischer, Bauhaus Design. Die Produkte der neuen Sachlichkeit, Köln 2009

