Frauenbild mit Architektur: Die Biografie, die 2004 im Residenz-Verlag erschien
Anbauküche: Hängeschrank und Schütten aus der berühmten Frankfurter Küche von 1926

Margarete Schütte-Lihotzky

Architektin und Designerin, geb. 1897, gest. 2000 in Wien


Geboren um die Jahrhundertwende gehört zur selben Generation wie etwa Marianne Brandt. Wie diese kam Margarete Lihotzky aus einer gutbürgerlichen, kulturell interessierten Familie, in der man das Ende des Monarchie und die Demokratie begrüßte. Sie war die erste weibliche Studentin an der K.-K. Kunstgewerbeschule (heute Universität für angewandte Kunst Wien), wo berühmte Künstler wie Josef Hoffmann und Oskar Kokoschka unterrichteten. Sie belegte Architektur bei Oskar Strnad, unter dessen Leitung sie schon vor ihrer Diplomierung Preise für ihre Entwürfe errang. Strnad war, wie Josef Frank und Otto Neurath, einer der Pioniere des sozialen Wohnungsbaus und plante vernünftige Wohnhäuser für Arbeiter. Angespornt durch ihn, wurde die Funktionalität für sie zur Leitidee. Nachdem sie graduiert hatte, plante sie mit ihrem Mentor Adolf Loos Wohnhäuser für Invaliden und Veteranen des Ersten Weltkrieges.

 

Aufgrund ihrer Tätigkeit in Wien wurde sie von Baurat Ernst May ins "Neue Frankfurt" berufen, dem wohl konsequentesten kommunalen Wohnprogramm in Deutschland. Wieder war sie also in einen Brennpunkt des Wohnungs- und Städtebaus geraten, der Geschichte machen sollte.Dort spezialisierte sie sich auf die Gestaltung von Küchen, die sich am Bauhaus-Vorbild des Haus am Horn orientierten, unter dem Namen „Frankfurter Küche“ weltbekannt und kopiert wurden. Mit Konstruktionen wie Hängeschränken und geklapptem Bügelbrett schuf sie

Wunderwerke der Schritt- und Griffersparnis, die nicht nur Begeisterung auslösten, aber heute als Prototyp der modernen, "taylorisierten" Funktionsküche gelten. Modell war eine beengte Speisewagenküche der Eisenbahn. Ihr Entwurf wurde damals in drei Varianten in rund 10.000 Küchen gefertigt. Im Frankfurter Stadtbauamt traf sie auch ihren Kollegen Wilhelm Schütte, den sie heiratete.

 

Für die 1930 von Josef Frank geleitete Wiener Werkbundsiedlung entwarf sie - wiederum als einzige Frau - zwei Reihenhäuser. Im selben Jahr ging die überzeugte Kommunistin mit einer Gruppe um May nach Russland, um den ersten von Stalins Fünfjahresplänen mit zu verwirklichen, etwa durch die Errichtung der Industriestadt von Magnitogorsk. 1937, als Stalins Säuberungen das Leben dort gefährlich machten, gingen sie und ihr Ehemann nach London, später nach Paris und schließlich nach Istanbul, wo sie 1938 an der Kunstakademie unterrichtete und andere verbannte Europäer traf, wie die Musiker Béla Bartók oder Paul Hindemith. Unter anderem entwarf sie in dieser Zeit einen Kindergartenpavillon, der auf den Ideen von Maria Montessori basierte.

 

Ende 1940 reiste sie mit Gesinnungsgenossen nach Wien, um mit der österreichischen kommunistischen Widerstandsbewegung in Verbindung zu treten, wurde jedoch von der Gestapo verhaftet . Sie wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und 1945 von US-Truppen befreit. Danach ging sie nach Bulgarien, kehrte 1947 nach Wien zurück, wo sie jedoch wegen ihrer politischen Ansichten keine öffentlichen Aufträge erhielt. Sie arbeitete infolgedessen als Beraterin unter anderem in China, Kuba und der DDR. Erst in den Achtzigerjahren wurde sie zur Vorzeigearchtitektin. Eine Ehrung durch den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim lehnte sie 1988 wegen dessen Nazivergangenheit ab.

 

Quelle: Bernd Polster und Volker Fischer, Bauhaus Design. Die Produkte der neuen Sachlichkeit, Köln 2009