Lilly Reich
Innenarchitektin und Ausstellungsgestalterin, geb. 1885, gest. 1947
Sie gehört zur Generation von Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius, deren Jugend in den Aufschwung der neunziger Jahre fällt und die Kulturverdruss und Stilwende um 1900 bewusst erleben. Sie ist außerdem eine jener Töchter aus gutem Hause, die sich, ähnlich wie Marianne Brandt oder Gunta Stölzl, in gewissen Grenzen emanzipieren können. Sie wird eine stilprägende Ausstellungsmacherin der Neuen Sachlichkeit und leistet zu Werken Ludwig Mies van der Rohes, mit dem sie einige Jahre ein kongeniales Designerpaar bildet, einen Beitrag, der, wie in solchen Fällen üblich, kaum abschätzbar ist. Die Tochter eines Berliner Fabrikanten kommt bereits durch ihre Familie mit Künstlerkreisen in Kontakt. Sie macht Abitur, lernt einen praktischen Beruf und geht 1908 an die Wiener Werkstätten, wo sie bei dem Modernisten Josef Hoffmann studiert. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin erhält sie durch Vermittlung des Designreformers Hermann Muthesius Dekorationsaufträge vom Kaufhaus Wertheim und wird 1912 Mitglied des Werkbundes (1920 erste Frau im Vorstand). Auf dessen Kölner Ausstellung gestaltet sie 1914 das Haus der Frau. Im selben Jahr gründet sie in Berlin ein Atelier für Dekoration. 1924 arbeitet sie für die Messe in Frankfurt am Main (bis 1926), wo sie ihren baldigen Lebens- und Berufspartner Mies van der Rohe sowie Ferdinand Kramer kennenlernt. Mit letzterem unternimmt sie eine Studienreise nach England und Holland. Ihr Durchbruch istdie von Mies van der Rohe kuratierte Ausstellung in Stuttgart-Weißenhof, bei der sie 1927 sechs Hallen und eine Wohnung gestaltet, wodurch sie zur gefragten Ausstellungsgestalterin wird. 1929 hat sie die künstlerische Leitung für den deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona, ein Entwurf von Mies van der Rohe. Für die Einrichtung des von ihm 1930 entworfenen Haus Tugendhat in Brünn ist sie ebenfalls verantwortlich. Ihre Apartments und die Materialschau auf der Berliner Bauaustellung 1931 gelten als ein Höhepunkt ihrer Karriere. Im selben Jahr stellen die Bamberger Metallwerkstätten in Berlin Möbel von Mies van der Rohe und Reich unter den Kürzeln MR und LR vor. Als Mies van der Rohe Direktor am Bauhaus wird, folgt sie ihm 1932 nach Dessau und wird ein Jahr lang bis zur Schließung der Hochschule Leiterin der Ausbauabteilung und der Weberei. Hier führt die Dekorationsexpertin Kombinationsübungen in Material und Farbe ein. 1934 beteiligt sie sich, wie u.a. auch Walter Gropius, an der Propagandaausstellung Deutsches Volk, deutsche Arbeit. 1937 auf der Weltausstellung in Paris gestaltet sie die Ausstellung der deutschen Textilindustrie. 1939 besucht sie den ein Jahr zuvor ausgewanderten Mies van der Rohe in New York, kehrt aber nach Deutschland zurück. Sie wird während des Zweiten Weltkriegs dienstverpflichtet. 1945 eröffnet sie ihr letztes Atelier im Stadtteil Britz und lehrt 1946 für kurze Zeit an der Hochschule für Bildende Künste.
Quelle: Bernd Polster und Volker Fischer, Bauhaus Design. Die Produkte der neuen Sachlichkeit, Köln 2009

