Konstantin Grcic
Produkt- und Möbeldesigner, München / Bayern
Dass er weltweit als Ausbund deutscher Gründlichkeit gilt, stört ihn keineswegs. Im Gegenteil, es trifft, so meint er, den Kern der Sache. Das „Ideal House“, das Grcic im Jahr 2002 auf der Kölner Möbelmesse konzipierte, war ein mächtiger, aus gestapelten Regalen zusammengesetzter Schacht: ein massives Symbol für Rationalität und Systematik, aber auch für die Verschiedenartigkeit der Gestaltungslösungen. Seine frühen Tische, Stühle, Regale, Ablagen und Sekretäre wirken zurückhaltend und bergen immer Überraschendes. Seien es ihre ungewöhnlichen Proportionen oder Materialen wie Pressholz, Wellblech oder Stahl. Dass manche Entwürfe, wie etwa der Sekretär Orcus (ClassiCon), Anklänge an die englische Möbeltradition erkennen lassen, kommt nicht von ungefähr. Der gebürtige Bayer lernte Schreiner an der John Makepeace School in Devon, studierte dann am Londoner Royal College of Art, um schließlich Jasper Morrison zu assistieren. Alles in allem eine kräftige Dosis englischer Realismus. Damit steht er für jene interkulturellen Bezüge, die seit Henry van de Velde immer wieder Impulse ins deutsche Wohndesign brachten. Trotz seiner Liebeserklärung an „alltägliche und anonyme Dinge“ beweist Deutschlands Vorzeigedesigner Sinn fürs Experimentelle, z.B. mit dem faltbaren Garderobenständer Hut ab für Nils Holger Moormann. Für denselben Hersteller entwarf er noch weitere geniale Minimalismen, so das stets schiefe und dennoch fixierte Regal Es. Gricic stellt sich den Herausforderungen des industriellen Prozesses, wie etwa bei seinem Chair One (Magis), der auf einem kegelförmigen Sockel ruht und bei dem erstmals Druckgussaluminium für den Bau ganzer Stühle eingesetzt wurde. Für diese Innovation erfand er eine neuartige skelettartige Form, die weithin positive Irritationen auslöste. Eine weitere praktische Materialstudie ist das runde, durchbrochene Sitzelement Osorom (Moroso), das er mit einem Spezialkunstoff realisierte. Längst ist aus dem Möbeldesigner ein Universalist geworden. Zu den von ihm konzipierten Gebrauchsgegenständen gehören neben Gläsern für Iittala und Küchengeräten für Krups auch ein preiswerter Druckbleistift für Lamy. Das Service Coup für Rosenthal entwickelte sich aus einem eher klein dimensionierten Projekt zu einem Systemgeschirr mit 37 Porzellan-, vier Glasartikeln und einer Kanne aus Metall und Porzellan. Das hier zutage tretende Mehrzweckdenken – so können Teller als Deckel verwendet werden – ist auch eine Reminiszenz an den deutschen Porzellanfunktionalismus.


