Herbert Hirche
Architekt, Möbel- und Produktdesigner, geb. 1910, gest. 2002
Was wäre gewesen, wenn seine Pläne, in Mannheim neben Ulm eine zweite, stark am Bauhaus orientierte Hochschule zu gründen, nicht gescheitert wären? Der Bauhaus-Schüler Hirche ist trotzdem, neben Egon Eiermann und Hans Gugelot, eine jener Schlüsselfiguren im deutschen Nachkriegsdesign, denen es gelang, Konzepte des klassischen Funktionalismus den gewandelten Lebensverhältnissen anzupassen. Wichtige Erfahrungen machte der junge Architekt im Büro von Eiermann, für den er seit 1939 arbeitete. Nach dem Krieg war er im Büro von Hans Scharoun mit dem Wiederaufbau Berlins beschäftigt. Der Mitbegründer des Verbandes deutscher Industriedesigner hat die Lebenswelt der »goldenen« Nachkriegsjahrzehnte geprägt. Weniger in seinem ursprünglichen Beruf, sondern als begnadeter Lehrer sowie als Möbel- und Produktdesigner hat er dafür gesorgt, dass sich in der jungen Republik ein Gegenprogramm zum behäbigen Konservativismus entwickeln konnte. Für wichtige Firmen, darunter Braun und Wilkhahn, war er Wegbegleiter in die Moderne. Dabei führte wohl das architektonische Denken zum Primat des Kubus, jenem rationalen Symbol, das bereits in frühen Entwürfen dominant ist: so beim Tiefen Sessel (heute Richard Lampert) und dem Barwagen (für Christian Holzäpfel). Dieselbe schlichte Linearität kehrt auch bei seinen Sideboards sowie seinen Phonogeräten (für Braun) wieder. Der Braun-Fernseher HF 1 ist eine Ikone, bei der die ansonsten in diesem Bereich so kurze ästhetische Halbwertzeit fast aufgehoben zu sein scheint. Fließende Formen, wie etwa bei Schalenund Korbsesseln, zeigen dagegen eine zeittypische, auf skandinavische Einflüsse zurückgehende Dualität.
Seit den 50er Jahre entwarf Hirche eine ganze Serie modularer Anbauschränke und -regale und steht damit in der in Deutschland so ausgeprägten Tradition der Systematik. Zu den ersten Entwürfen dieser Art gehören DHS 10 (für Christian Holzäpfel), die Kommodenserie LIF sowie der berühmt gewordene Raumteiler Inwand. Schließlich folgten die Raummöbel 6000 (für Behr International) und eine viel beachtete mehrfach nutzbare Funktionswand (für Interlübke). Hinzu kamen Kinder- und Büromöbel (für Christian Holzäpfel). Seine flexiblen und zugleich ordnenden Systeme führten de facto zur Überwindung des traditionellen Einzelmöbels. Ihr primärer Zweck sollte jedoch ein anderer sein: Der so vielseitige Pragmatiker Hirche wollte den Menschen Freiräume schaffen.



